Lätare-Spende in Verden

Brot und Heringe, drei Wochen vor Ostern

Jedes Jahr werden in Verden Brot und Heringe am Montag nach dem Sonntag Lätare – drei Wochen vor Ostern – an die Bevölkerung verteilt. Dieses Vermächtnis soll Störtebeker der Stadt Verden kurz vor seiner Hinrichtung, auf dem Hamburger Grasbrook, im Jahre 1401 hinterlassen haben. Beköstigt werden sollten die Armen der Stadt, Geistliche und städtische Beamte. Diesem alten Brauch folgend, bringt Störtebeker ( der augenblicklich im bürgerlichen Leben Dieter Jorschik heißt) höchstpersönlich die Heringe auf den Verdener Rathausplatz, gefolgt von seinen mittelalterlichen Mitstreitern.

Rund 530 Schwarzbrote aus zwölf Himpten Hannoversches Maß Roggen (300 Kilogramm) und 1600 Salzheringe (vier Fässer), werden seit Jahrhunderten an die Bevölkerung und die Gäste verteilt. Nach einer musikalischen Einleitung beginnt die Verteilung.

Als Ehrengäste gingen ihm dabei in diesem Jahr Alfred Hartenbach, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Justiz, Jörg Kastendiek, Senator für Wirtschaft und Häfen sowie Senator für Kultur der Freien und Hansestadt Bremen, sowie Friedrich-Otto Ripke, Staatssekretär im  Niedersächsischen Ministerium für den ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zur Hand.

Auf den mildtätigen Spuren Störtebekers wandeln die geladenen Gäste des anschließenden Heringsessens. Die hier gesammelten Spenden erhalten soziale und karitative Einrichtungen in Verden

Lukullische Genüsse wie Störtebeker Fischkohlsuppe, Asiatische Heringspfanne oder gefüllte Kartoffel mit Matjesmousse, die beim anschließenden Heringsessen ca. 200 geladene Gäste erwarten, haben mit dem ursprünglich kargen Heringsessen nicht mehr viel gemein. Zumal sie von Werner Ulrich, einem Meister seines Fachs, zubereitet werden. Und auch die Empfänger, unter ihnen politische Ehrengäste, die das Heringsbüffet mit launigen Reden würzen, sind nicht wirklich hilfsbedürftig. Aber dennoch wird dem ursprünglichen Gedanken Störtebekers durch die Spenden der Gäste Rechnung getragen.

 

Das Grußwort der Bundesjustizministerin Zypries

zur Lätare-Spende 2003

Liebe Frau Bürgermeisterin Lürmann,
lieber Herr Minister Busemann,
lieber Herr Senator Böse,
liebe Verdener!

Endlich wieder der besondere Fischmarkt in Verden! Umsonst und draußen und bei Sonnenschein! Das ist ein Vergnügen der besonderen Art.

Dass wir hier in eine große Tonne mit Heringen greifen können, haben wir Klaus Störtebeker zu verdanken. Es gilt als sein Vermächtnis, dass seit Hunderten von Jahren hier nun Jahr für Jahr Heringe und Brot an die Bürgerinnen und Bürger gespendet werden.

Ich habe über dieses "Vermächtnis" des Seeräubers nachgedacht. Dabei sind mir einige Fragen in den Sinn gekommen. Zunächst: Warum ausgerechnet Heringe? Wie kam der gute Mann wohl ausgerechnet darauf, und dann noch hier mitten im Binnenland? Aber die Antwort fand sich schnell: Zu Störtebekers Zeiten waren die Heringe für weite Kreise der Bevölkerung ein Grundnahrungsmittel. Nicht wie heute, wo der Hering eine Delikatesse ist. Hering ist ausgesprochen eiweißhaltig und gesund, und er lässt sich gut konservieren. In Salz eingelegter Hering ist über zwei Jahre haltbar und wurde daher in ganz Europa gehandelt.

Es war also unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten sehr sinnvoll, den Armen neben dem Brot auch Hering zu vermachen. Und sehr sozial gedacht. Diese soziale Einstellung kann ich rundum begrüßen.

Als Juristin habe ich dann aber auch gefragt: Wie ist das mit dem Vermächtnis? Die alljährliche Spende der Stadt Verden gilt als Vermächtnis des Seeräubers Störtebekers. Das Vermächtnis aber, meine Damen und Herren, ist eine erbrechtliche Rechtsfigur. Man vermacht jemandem etwas aus seinem Vermögen. Doch Quittungen belegen, dass es - übrigens schon seit 1602 - immer die Stadt Verden war, die die Rechnungen für Brot und Heringe bezahlt hat! Also, -nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Herr Störtebeker, der Sie ja hier und heute auch anwesend sind - ein echtes Vermächtnis kann es nicht sein. Schließlich kann man anderen nur etwas zuwenden, was einem selbst gehört. Als weitere Möglichkeit käme hier juristisch noch die sogenannte "Auflage" in Betracht. Damit kann man andere zu einer Leistung verpflichten - allerdings auch nur aus dem eigenen Vermögen. Wenigstens nach unserem BGB gebührt der Dank der also Stadt Verden, Frau Bürgermeisterin. Ohne Ihnen zu nahe zu treten, lieber Herr Störtebeker - Sie haben da wohl etwas verteilt, was Ihnen gar nicht gehört hat! Das überrascht an sich auch nicht, schließlich waren Sie Anführer einer Seeräuberbande, und da gehört es quasi zum Berufsbild, Dinge zu verteilen, die einem nicht gehören.

Das Schöne ist, dass Sie Ihre Beute besonders gerecht verteilt und dabei auch an die Armen gedacht haben. Weil Sie immer alles gerecht unter sich aufteilten, hießen Sie die "Likedeeler", übersetzt: "Gleichteiler".

Dass es auch heute wieder gerecht zugeht beim Verteilen, darauf habe ich ein Auge. Denn als Justizministerin sage ich:
Gerechtigkeit muss sein!

Also, liebe Verdenerinnen und Verdener, ich werde like deelen, so gut es geht. Der Reihe nach und jedem seinen Hering und sein Roggenbrot.

In diesem Sinne: Greifen Sie zu!

 

Ungewohnte "Wahrheiten" bei Lätarespende  2002

Störtebeker europäischer Unternehmer

 

Einige Schläge mehr brauchten die Gehilfen des Klaus Störtebeker gestern Vormittag vor dem Rathaus, um das erste Fass Salzheringe zu öffnen. Doch dann "flutschte" es nur so in die Tüten, und die 1600 Fische und 530 Brote der traditionellen Lätare-Spende gingen weg "wie warme Semmeln".

Der Überlieferung zufolge starb Störtebeker vor etwa 600 Jahren. Doch gestern stand er frisch und munter und gar nicht kopflos auf dem Verdener Rathausplatz, um sein Versprechen einzulösen und Hering und Brot an die Bevölkerung zu verteilen.

Fisch ist gesund

Und er hatte sich wieder prominente Unterstützung geholt: Hartmut Perschau, Bremens Bürgermeister und Finanzsenator, griff tief ins Heringsfass, ebenso der niedersächsische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Wolfgang Senff, und die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Und eben diese riet immer wieder: "Greifen Sie zu, Fisch ist gesund!"

Was der einfache Hering und das Roggenbrot fürs Volk, das waren die leckeren Köstlichkeiten mit Fisch für geladene Gäste anschließend im Grünen Jäger. In diesem Jahr wurde das Heringsessen zum 30. Mal veranstaltet, erinnerte Gastgeberin Angelika Lürman. Interessante Fischkreationen wurden serviert: von den Maultaschen mit Fischfüllung bis zum Obstsalat mit Fisch und Ingwer-Sahne. Doch bevor der Appetit gestillt werden konnte, mussten die Ehrengäste beweisen, dass sie dem Störtebeker das Wasser reichen konnten.

Schwarzes Herz wie Piratenflagge

So strich Hartmut Perschau unter Gelächter heraus, dass Finanzsenatoren und -minister so etwas wie die Rechtsnachfolger der früheren Piraten seien: "Wir nehmen den Reichen und verteilen an alle, damit die Gerechtigkeit siegt." Außerdem stehe der CDU-Politiker den Seeräubern auch persönlich nahe: "Nicht ohne Grund war die Flagge der Piraten schwarz." Perschau warnte allerdings vor dem "Oberpiraten Eichel" in Berlin, vor dem sich Verdener ebenso wie Bremer in Acht nehmen müssten: "Wir sitzen alle im selben Boot und müssen verhindern, dass wir gekapert werden."

Der Niedersachse Wolfgang Senff strich dem berühmten Seeräuber Honig um den grauen Bart: Der selbstständige Unternehmer habe für sich und seine Mitarbeiter gesorgt und sich auf dem europäischen Markt angeboten. Dass Störtebeker den nicht immer üppigen Lohn auf umstrittene Weise aufgebessert habe, müsse man überdenken. "Aber Sie haben mit Ihren ungewöhnlichen Methoden die verkrusteten Strukturen und das Handelsmonopol der Hanse aufgebrochen." Allein dafür gebühre dem legendären Seeräuber ein "europäisches Denkmal", scherzte der Europaminister.

"Wärden" statt Verden

Als "gute Seele" der Lätare-Spende bezeichnete sich die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: Die ausgesprochen gesunde Ernährung mit Fisch und Vollkornbrot sei sehr empfehlenswert, und das "nicht nur einmal im Jahr". Und wenn jeder Störtebekers Rat befolge und den Todsünden der Wollust und Völlerei abschwöre, dann bleibe Gesundheit auch in Zukunft bezahlbar, versprach die SPD-Politikerin. Allerdings hatte die gebbürtige Rheinländerin ihre Schwierigkeiten mit dem Stadtnamen Verden: Konsequent nannte sie die Allerstadt "Wärden", was jedes Mal ein heiteres Gemurmel im gut gefüllten Saal auslöste.

Auch Verdens Bürgermeisterin Angelika Lürman musste sich wortwörtlich mit Klaus Störtebeker messen: Sowohl im Schwertkampf als auch im Biertrinken hielt sie mit und wurde schließlich vom Seeräuber ehrfurchtsvoll in den Kreis der Liekedeeler und Vitalienbrüder aufgenommen. Den anwesenden Männern empfahl Störtebeker anschließend: "Legt euch besser nicht mit dieser Frau an!"

 

  Lätare-Spende ist Legende

Der berüchtigte Seeräuber hatte mit Verden offenbar nie was am Hut

Was wäre Verden ohne die Lätarespende des Seeräubers Klaus Störtebeker? Es wäre um eine Attraktion ärmer, die der Allerstadt in jedem März wieder originelle Fotos im deutschen Blätterwald sichert. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei, wie bei allen anderen Taten um reine Legende, die dem Piratenführer zugeschrieben wird. Zur Abgeltung der sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit des Herzens, habe er im Angesicht des Schafotts dem Dom dieser Stadt sieben Fenster und ihren Bürgern eine Geldspende mit der Auflage vermacht, alljährlich am Montag nach dem Sonntag Lätare den Armen davon Brot und Heringe zu schenken. Gesichert ist nur, dass die Spende seit 1602 ausgeteilt wird (Foto: Fenster im Verdener Dom).

Störtebekers vermeintliches Interesse für die Domstadt hat man damit zu begründen versucht, Goedeke Michels habe bei Verden einen Hof besessen. Auch dafür fanden Historiker nicht den geringsten Beweis. Wenig glaubhaft erscheint diese Weise auch deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass Michels und vermutlich auch Störtebeker beide aus Wismar stammten.

Die Verdener ficht das alles gar nicht an: Die nächste Lätarespende steht schon längst im Veranstaltungskalender.

jr - 24. November 2006