Der Pirat als volkstümliche Gestalt

 

Seit Menschen über die Meere segeln, gibt es Piraten. Heute denken wir bei dem Begriff "Pirat" in erster Linie an draufgängerische Helden in Literatur und Film.

Die gängigen Vorstellungen, die wir heute von Piraten haben, beziehen sich auf die kurze Periode des "Goldenen Zeitalters der Piraterie", das von etwa 1690 bis 1730, also höchstens 40 Jahre dauerte. Und die tatsächliche Blütezeit der Piraten umfasste gerade einmal zehn Jahre, von 1714 bis 1724. Seeräuber gibt es, seit der Mensch mit dem ersten Einbaum unterwegs war. Was finden wir an einer Handvoll Charaktere aus den früheren Jahrhunderten so faszinierend? 1684 veröffentlichte Alexandre Exquemelin in London ein Buch mit dem Titel Buccaneers of America. Bereits ein Jahr zuvor war in Amsterdam eine erste Fassung dieses Werkes erschienen, die englische Version aber wurde ein Bestseller. Der Autor hatte an mehreren Bukanier-Überfällen teilgenommen und kannte Gestalten wie Henry Morgan* persönlich. Obgleich die Erzählung sehr wahrscheinlich aus verkaufsstrategischen Gründen geschönt war, lieferte sie der Öffentlichkeit die ersten authentischen Schilderungen des Piratenlebens. Die Leser ließen sich gerne von den Gräueltaten und dem Elend, dem Heldenmut und der Feigheit in ihren Bann ziehen.

Der Höhepunkt des Goldenen Zeitalters war noch nicht ganz vorüber, als Captain Charles Johnson 1724 A General History of the Robberies and Murder of the Most Notorious Pirates herausgab. Auch dieses Werk wurde für den Verlag ein überwältigender Erfolg.

Selbst wenn es eine Menge Ungenauigkeiten haben mag, es bleibt eines der beliebtesten Piratenbücher aller Zeiten. Die Tatsache, dass beide Bücher auch heute noch gedruckt werden, sagt viel über ihre anhaltende Popularität aus.

Die Theaterbühne wird erobert

Zur selben Zeit, als Johnsons Buch herauskam, wurde in Londons ältestem Theater, dem Drury Lane, ein Stück namens The Successful Pyrate gespielt, das von den Heldentaten des Piraten Henry Every* erzählt. Schon zu Zeiten, als einige dieser Piraten und ihre Opfer noch lebten, wurde das Piratenwesen bereits zur Legende. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, und erst in den letzten zehn Jahren haben Wissenschaftler sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt.

Historiker wie David Cordingly, Robert Ritchie und Jan Rogozinski versuchten, Dichtung und Wahrheit des Piratenwesens zu trennen. Seit dem frühen 18. Jahrhundert hat sich gezeigt, dass die romantische Sichtweise der Piraterie und das Image dämonischer Grausamkeiten, deren Personifikation z.B. Johnsons Blackbeard ist, tief verwurzelt sind. Wir möchten Piraten eben gerne als Draufgänger sehen, die ihre Opfer über die Planke gehen ließen!

Im frühen 19. Jahrhundert hielten romantische Schriftsteller und Dichter nach geeigneten Themen unter den Seeräubern Ausschau. Lord Byrons Gedicht Der Korsar (1814). Sir Walter Scotts Roman Der Pirat (1821) und Giuseppe Verdis Oper Il Corsaro (1848) sind Beispiele für diese romantische Verklärung.

Robert Louis Stevenson erfindet die Piraterie neu

Mit dem Werk des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson (1850-94) fand die Piraterie endgültig Eingang in das Reich der beliebten volkstümlichen Erzählungen.

1883 veröffentlichte er Die Schatzinsel, das zu den einflussreichsten Büchern über das Piratentum zählt. Es wurde unzählige Male neu aufgelegt und viermal verfilmt, zuletzt 1990 mit Charlton Heston in der Rolle des pistolenschwingenden Long John Silver. Stevenson arbeitete mit allen gängigen Elementen, die untrennbar mit dem Piratenmythos verbunden sind: mit Schatzkarten, vergrabener Beute, Papageien, Holzbein, Augenbinden und dem Lied Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste. Das meiste davon hat mit der Realität des Piratenlebens nichts zu tun.

1904 wurde in London das Stück eines anderen Schotten, J.M. Barrie (1860-1937) uraufgeführt. Peter Pan begeistert seither die Kinder mit seiner Mischung aus Märchen und Abenteuergeschichte. Hier werden die Piraten als böse und unfähig dargestellt, und dieser Sichtweise folgten viele spätere Piraten-beschreibungen.

Während Captain Hook als unfähig galt, konnte niemand Bartholomew Roberts einen Mangel an "beruflicher Kompetenz" vorwerfen. Peter Pan hat uns auch jene Piratenhüte beschert, auf denen zwei gekreuzte Knochen unter einem Totenkopf zu sehen sind. Realität und Mythos driften immer weiter auseinander.

In der Literatur des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Piraten ein beliebtes Thema. Die Autoren dieser Bücher, die im Stil idealisierender Abenteuergeschichten für Kinder geschrieben waren, holten sich ihre Ideen häufig bei den älteren Autoren Exquemelin und Johnson. Allerdings führten sie einen neuen Piratentyp ein: den schmucken jungen Helden (weiße Hautfarbe, aus dem Angelsächsischen stammend, Protestant), der mit den bösen Piraten kämpft und sie mit ihren eigenen Waffen schlägt. So entstand das Vorbild für die draufgängerischen Leinwandhelden.

1920 hatte der Stummfilm Die Schatzinsel Premiere, vier Jahre später folgte Captain Blood und 1926 The Black Pirate. Die beiden ersten Filme waren bereits sehrerfolgreich, aber durch The Black Pirate mit Douglas Fairbanks in der Hauptrolle entstand sogar ein eigenständiges Genre. Fairbanks war die erste Piratenfigur in der Geschichte, die sich durch die Takelage schwang. Die ersten Draufgängertypen, die bei Seegefechten die Hauptrolle spielten. Gentleman-Piraten und Rächer des Unrechts, waren auf Zelluloid gebannt. Viele weitere sollten folgen.

Piraten überschwemmen die Leinwand

In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts kam eine fülle von Abenteuerfilmen heraus. Das Remake von Unter Piratenflagge (1935), Der Herr der sieben Meere (1940) und Der Seeräuber (1942) gelten als Klassiker dieses Genres. Leinwandhelden wie Errol Flynn und Tyrone Power wurden in der Rolle des Piraten zu Stars. Während das Piratengenre sich bis über die 50er Jahre hinaus anhaltender Beliebtheit erfreute, tendierten die Piratenfilme selber immer mehr zur Persiflage. Der rote Korsar (1952) ist hierfür das deutlichste Beispiel. Historische Piraten wurden häufig als böse und unfähig dargestellt, wie erstmals bei Captain Hook. Drehbuchautoren durchkämmten das Werk von Charles Johnson auf der Suche nach historischen Piratengestalten, die dem Filmhelden einen dämonischen Hintergrund liefern sollten. Nur Nationalhelden blieben davon verschont. Die Filme über Sir Francis Drake (Seven Seas to Calais, 1963) und Jean Laffite (König der Freibeuter, 1950) stellen diese Freibeuter als Volkshelden dar. Hollywood hat den Typ des Piraten nicht erfunden, es hat nur bereits existierende Charaktere für die Leinwand adaptiert, oft erstaunlich ungenau. Viele der frühen Piratenfilme basieren auf den Roman von Rafael Sabatini (1875-1950), dessen Werke Abenteuergeschichten für Jugendliche waren. Die Piratendarstellung im Film wird durch Schauspieler wie Errol Flynn, Douglas Fairbanks und Burt Lancaster beeinflusst. Der letzte Abenteuerfilm aus Hollywood, Die Piratenbraut (1997), folgt ebenso dem romantischen Ansatz, allerdings mit dem Unterschied, dass im Mittelpunkt nun eine Piratin steht (gespielt von Geena Davis).

Inzwischen ist es fast unmöglich, zwischen Dichtung und Wahrheit zu trennen. Bestenfalls können wir und an dem populären Image des Piraten erfreuen und gleichzeitig an einem neuen Bild arbeiten, das sich auf die historischen Fakten stützt.

siehe auch: "Störtebeker". Der Film

jr - 19. Mai 2006