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Klaus Störtebeker in Sage und Geschichte Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts haben wir Kinder in Ostfriesland den Störtebeker in der Schule gelernt. Was haften blieb, soll als erstes erzählt werden
Das Turmdach der Marienkirche war an der Westseite, also nach See hin, mit Kupferplatten beschlagen. Das leuchtete bei Sonnenschein weit aufs Meer hinaus. Störtebeker brauchte nur diesen leuchtenden Punkt anzusteuern, um in sein Fahrwasser einlaufen zu können.
Unter allen Seeräubern war Störtebeker der erfolgreichste, er war klug und tapfer, aber auch ein guter Seemann. Die geraubten Schätze an Gold, Tuchen, Pelzen und Hamburger Bier gingen ins Unermessliche, und mancher tapfere Mann wurde auf den überfallenen Schiffen der Hanse, der Engländer, Dänen und Norweger erschlagen oder über Bord geworfen. Aber dennoch hatte Störtebeker ein gutes Herz. Von seinem Beutegut hat er die Armen beschenkt und den Kirchen gespendet. An Bord seiner Schiffe herrschte das Prinzip: Gleicher Lohn für alle. Die Beute wurde so aufgeteilt, dass jeder das gleiche erhielt. Darum nannte man die Seeräuber vom Schlage Störtebekers Likedeeler ("Likedeeler" ist das niederdeutsche Wort für "Gleichteiler". In den Hanseakten (Hanserezesse) kommt dieses Wort selten vor. Hier heißen Seeräuber der damaligen Zeit fast immer Vitalienbrüder). Nicht nur unter den Räubern war Störtebeker der größte, sondern auch unter den Trinkern. Er konnte große Humpen in einem Zuge leeren, was ihm keiner nachmachen konnte - bis auf einen. Und das war der Junker Sissinga aus Groningen. Er schenkte Störtebeker einen großen Silberbecher mit der Inschrift: Ik Jonker Sissinga Van Groninga Dronk dees heusa In een fleusa Door myn kraga In myn maga. (Aus Wiarda "Ostfriesische Geschichte") Seinem Trinkvermögen, der Kunst des ,,Becherstürzens", verdankt unser Held seinen Namen. Ob dieser Kunst wurde er weit und breit berühmt. Alle Welt nannte ihn nur noch Störtebeker, auf hochdeutsch Stürzebecher, ohne seinen wirklichen Namen zu kennen.
Störtebeker vollbrachte angesichts des Todes noch eine edle Tat. Bevor man ihm den Kopf abschlug, wurde ihm dieser letzte Wunsch gewährt: Diejenigen seiner Gefährten, an denen er ohne Kopf vorbeilaufen würde, mussten begnadigt werden. Als Störtebeker schon elf gerettet hatte, warf ihm der Henker einen Klotz vor die Füße und brachte Störtebeker so zum stürzen. * * * Es mag auch heute noch so sein, dass Besucher in den Genuß dieser Schulweisheit gelangen, wenn sie in Marienhafe Halt machen, um den Störtebekerturm zu besteigen. Sind sie dann der gemauerten Wendeltreppe entstiegen, können sie auf Störtebekers Spuren weiter wandeln. Sie machen einen kurzen Abstecher nach Greetsiel und fahren von hier nach Emden. Sie kommen durch lauter ehemalige Seeräuberstützpunkte - die aktenkundig sind! wie Pilsum, Manslagt, Groothusen, Campen, Loquard, Rysum, Wybelsum und Larrelt. Diese Route ist in den Straßenkarten mit Störtebekerstraße bezeichnet. Es kann durchaus sein, dass Stortebeker diese Straße benutzt hat wäre jemals in dieser Gegend gewesen. Ob er aber wirklich hier war, kann die Geschichtsforschung nicht mit "ja" beantworten. Das ist, wie die Forscher sagen, "quellenkundlich nicht zu bezeugen". Auch im Butjardingerland, ostwärts des Jadebusens gelegen und früher zum Großherzogtum Oldenburg gehörend, gibt es auch eine Störtebekerstraße. Sie geht von Burhave nach Schwei. Es ist nicht aus zuschließen, dass Bewohner dieser Gegend auch glauben: Stortebeker war hier!' Dazu schreibt Josef Wanke in seiner 1910 gedruckten Doktorarbeit ,,Von Klaus Störtebeker allerdings ist in Oldenburg keine historische Spur vorhanden." Im Jahre 1933 verlieh die Universität Greifswald der im Elsaß geborenen Annelise Blasel die Würde eines philosophischen Doktors für ihre Arbeit ,,Stortebeker und Gödeke Michael in der deutschen Volkssage" "Der Gedanke der Arbeit ist, ein Bild von dem Umfange und der Verbreitung der Störtebekersage zu geben." (zitiert) Die Arbeit, gegliedert in Abschnitte wie Geburtsort, Schlupfwinkel, geraubte Schätze, Beutezüge, Gefangennahme teilt erstaunliche Zahlen mit. So werden unserem Helden allein zehn Geburtsorte zugeschrieben, darunter auch Norden und Osteel. Dabei wird angemerkt, dass in keinem dieser Orte eine urkundliche Eintragung erhalten blieb. Erheblich größer noch ist die Zahl der Schlupfwinkel, die die Sage kennt. Aus einer Tabelle sind 103 Schlupfwinkel zu entnehmen, die zwischen Bornholm und der Zuidersee liegen. Es entfallen: 35 auf Schleswig-Holstein 32 auf Pommern 20 auf Mecklenburg 8 auf Ostfriesland ... der Rest liegt andernorts. Die ostfriesischen Schlupfwinkel werden so lokalisiert: vier in Marienhafe einer in Upgant einer in Holtgaste einer in Rüstringen einer auf Wangerooge. Die' geraubten Goldschätze gehen ins Unermessliche. Da aber Zahlen fehlen, kann ihr heutiger Wert nicht ermittelt werden. Die Dissertation endet mit dieser, Begebenheit: "Störtebeker war ein gewaltiger Seeräuber, der die Welt schon zweimal umreiset hatte und als er diese reise das dritte mahl zog, auf des türkischen Keisers begehr, der ihm hierauf seine Tochter zu geben versprochen, ward er von den Hamburgern ergriffen und jämmerlich gerichtet." Klaus Störtebeker in der damaligen DDR
Im übrigen kann man das alles nachlesen. Schon 1959 wurde diese dramatische Ballade ,von Kuba (Kurt Bartel) anlässlich der Rügenfestspiele mit großer Besetzung aufgeführt und im gleichen Jahr von VEB-Hofmeister, Leipzig, gedruckt. (Bild links: Die Kulisse der Störtebeker-Festspiele auf Rügen im Jahre 1961). Die von fünf DDR-Preisträgern gestaltete Aufführung war mit 67 Schauspielern, 12 Chören, 15 Tanzgruppen, drei Theaterorchestern, Kleindarstellern aus Rügen und Angehörigen der Land- und Seestreitkräfte besetzt.Die ,Ballade ist aufgeteilt in sechs Episoden, die sich in Ruschwitz, Stralsund, Rostock, Ralswiek, Lindholm, Marienhafe, Wittmund und Hamburg abspielen. Vieles von dem, was Kuba darbietet ist historisch belegt. Doch Störtebekers Heldentaten sind dichterische Phantasie. Wer ,die Zusammenhänge verstehen will muss die Geschichte Nordeuropas von 1391-1401 - weil dies der Zeitraum der Ballade ist - gut kennen. Eine Ballade will weder historische noch geographische Treue beanspruchen. Doch dürften auch der dichterischen Freiheit Grenzen gesetzt sein. Sie scheinen überschritten, wenn Kuba dem Störtebeker Gelegenheit gibt, der Königin Margareta von Dänemark seine sozialistischen Ideen vorzutragen. Auch das Weglassen eines geographischen Schnitzers hätte das künstlerische Niveau der Ballade sicher nicht beschädigt. Wie kann Störtebeker vom Schlosse Wittmund auf den Hafen von Marienhafe hinunterblicken, wenn diese Orte 34 km auseinanderliegen? Kubas Ballade endet mit diesem gekürzten Epilog: ,,Störtebeker - Göstemichel - Wigbold, wat liggt an? Likedeeler, Likedeeler. Frieden, das liegt an! Sozialismus voraus Die Arbeiter Herren im eigenen Haus Die Früchte der Erde dem Knecht und der Magd. Dem Hirten die Herde, dem Jäger die' Jagd. Dem Fischer den Fischfang Matrosen, ohe! Denn euer ist die Erde, der Himmel und die See Und für alle lütten Leute Like deel" Seit 1973 erlebt ein Störtebeker-Roman von Willi Bredel in der Rowohld-Jugendbuchreihe ,,rotfuchs" seine sechste Auflage mit 55000 Exemplaren. Der Autor hat die Story nach eigenen Angaben 1940 in Moskau geschrieben. Das Kriegsende verschlug Bredel nach Mecklenburg, wo der Roman 1950 in Schwerin herauskam. Der Roman schöpft vorwiegend aus dem Sagenschatz der pommerschen und mecklenburgischen Ostseeküste, wogegen die Nordsee mit Ostfriesland und Hamburg ins Hintertreffen gerät. Sicherlich bietet Bredel der Jugend kein Vorbild, wenn er Störtebeker sechs Liter Bier auf, einen Zug austrinken lässt. Man kann nicht sagen, dass dieser Roman eine kommunistische Propagandaschrift ist, aber hier und da schimmert kommunistisches Gedankengut hervor.
Deutsche Geschichtsquellen (Vorname Klaus erfunden) Die Angaben über Klaus Störtebeker in deutschen Nachschlagwerken entstammen der Quelle: Cronica Novella des Herman Korner. Dieser Lesemeister im Dominikanerkloster Lübecks lebte vermutlich von 1365 bis 1438. Seine Chronik, von der es vier verschiedene Handschriften gibt ist in den Jahren 1420 bis 1439 in Latein, geschrieben worden. Schwalm, hat sie 1895 veröffentlicht und Koppmann hat sie 1902 kritisiert. Beide Historiker fällen über die Arbeitsweise Korners ein nicht gerade schmeichelhaftes Urteil. Als Beispiel sei Koppmann zitiert: ,,Korner lässt hier etwas aus, fügt dort etwas hinzu, ändert überall, am Stil, an den Tatsachen, in der chronologischen Folge und er flickt an, modelt um, rundet ab nach eigenem Belieben. Korner schlägt aller historiographischen Tradition ins Gesicht." Koppmann meint dann weiter: ,,Korner hat dem Störtebeker seinen angeblichen Vornamen "Klaus" gegeben, zweifelsohne nach eigener Erfindung und die Refus-Chronik ist zu dessen Verbreitung behilflich gewesen." Danach kann ,also Korner nicht beanspruchen, ein zuverlässiger Gewährsmann für Klaus Störtebeker zu sein. Dessen ungeachtet wird hier mitgeteilt, was er für den Seeräuber zu melden weiß. Wiedergegeben wird der Text der sogenannten Refus-Chronik, der eine niederdeutsche Übersetzung des betreffenden Stückes einer lateinischen Korner-Schrift ist. Bei Refus finden die Besiegung Störtebekers bei Helgoland (Hilghelande) und seine Hinrichtung 1402 statt. Nachschlagewerke wie der Brockhaus wissen: Die Likedeeler wurden 1401 von Hanseflotten bei Helgoland geschlagen. Klaus Störtebeker wurde 1402 hingerichtet. Zu dem Seesieg bei Helgoland gibt es eine einzige Quelle. Sie lautet kurz und bündig: "Ad reysam dominorum Hermanni Langhen et Nicolai Schoken, in Hilghe lande, de anno preterito contra Vitalienses: summa 57 Mark." Dies ist eine Rechnung aus dem Jahre 1401. Sie muss Koppmann, als er 1873 die "Kämmereirechnungen" herausgab, noch im Original vorgelegen haben. Da, dort steht: de anno preterito (vorheriges Jahr) - muss das Vitalianer Kontra bereits 1400 stattgefunden haben. Alles andere, auch dass Klaus Störtebeker dabei war, hat Korner in die Welt gesetzt. In den Hanserezessen (24 Bände) und in allen bekannten Urkundenbüchern ist keine Urkunde vorzufinden, die den größten aller deutschen Seeräuberführer mit vollständigem Namen nennt: Klaus Störtebeker. Aber auch eine englische Quelle tut es nicht was aus folgendem hervorgeht. Eine englische Quelle Der englische Marinehistoriker (bei Kennedy so bezeichnet) Richard ,Hakluyt veröffentlichte 1598 ein zwölfbändiges Werk, in welchem Godekin Michel (auch Mighel genannt) und ,,one called Strotbeker" (auch Stertebeker und Stortebiker kommen vor, doch immer ohne Vornamen) als Seeräuber auftreten. Es geschieht in einem Vertrag, den die Engländer mit der Hanse am 15. Dez. 1405 in Dodrecht (Holland) geschlossen haben. Der Vertrag wurde unterschrieben von den Engländern Sir William Esturmy und John Kington sowie von fünf autorisierten Vertretern der Hansestädte. Der Vertrag nennt 14 Seeraubdelikte der sich Godekin Mighel, Clays Scheld, Stertebeker and many others, with them of Wismar and of Rostock, beeing of the societie of the Hans in den Jahren 1394 bis 1399 schuldig gemacht hätten. Der durch sie angerichtete Schaden wird mit 4 780 englischen Nobles angegeben - nach heutigem Goldwert etwa 750 000 Euro. Ob die Schadensansprüche beglichen wurden, war nicht festzustellen Der genannte Vertrag steht nicht in den Hanserezessen Ob die Urkunde erhalten blieb, können die zuständigen britischen Archive gegenwärtig nicht bestätigen. Andere Störtebekers nur kein Klaus Bei Durchsicht der Hanserezesse und anderer Quellenwerke stößt man auf mehrere Seeräuber, die Störtebeker hießen. Da ist zunächst Johan Stortebeker. Im Jahre 1400 führte der Herzog Albrecht von Holland gleichzeitig Krieg gegen seine friesischen Nachbarn und gegen Hamburg. Er brauchte Truppen und nahm Söldner auf, woher sie auch kamen. So lehnte er nicht ab - als ihm acht Vitalierführer mit 114 Mann ihre Hilfe anboten - schloss vielmehr mit ihnen am 15. August 1400 einen Bündnisvertrag. Aus diesem Vertrag sind die Namen der acht Anführer bekannt. Einer von innen heißt Johan Störtebeker. Die Seeräuber waren vor den Hamburgern geflohen, als diese im Juni 1400 Emden besetzten. Ein Johannes Strotebeker aus Danzig wird in englischen Akten genannt. Man darf annehmen, dass der richtige Name Störtebeker war, da o und r in englischen Akten verschiedentlich vertauscht wurden In Den Haag tagten 1407 Delegierte des englischen Königs mit solchen der Hanse fast zwei Monate (August bis Oktober). Sie hatten sich über zehn Jahre gegenseitig Schiffe und Waren abgenommen und wollten sich nun über den Schadenersatz einigen. Beide Seiten legten ihre Schadensliste vor, die der Geschichtsschreiber Kunze Klageartikel nennt. In einem solchen Artikel (Nr. 325 bei Kunze) lasteten die Engländer Johannes Strotebeker neun Übergriffe an, begangen 1405. Der von ihm angerichtete Schaden wurde auf 482 engl. nobles beziffert. Bei einem Goldgehalt von rd. 8 g pro 1 noble Münze entspricht der Schaden 3,856 kg Gold, wofür man nach derzeitigen Kurs überschlägig 74000 Euro anlegen muss. Marquard Stortebeker aus Wismar. Im hansisch-dänischen Krieg (1426-1435) heuerten die Hansestädter eine Anzahl Kaperfahrer an. Für Lüneburg kaperte Marquard Stortebeker mit seinen Gesellen. Den vollen Sold für diese Dienste erhalten zu haben bezeugt er in einer Urkunde vom 3. Okt. 1428 vor dem Rat der Stadt Wismar mit seiner Unterschrift. Hermen Stortebeker. In seiner Abhandlung aus dem Jahre 1847 zitiert der Autor J. E. M. Laurent (1847) eine Urkunde aus dem heutigen Staatsarchiv Hamburg, die von einem Hermen Stortebeker unterschrieben ist. Er quittiert 1439 dem Rat der Stadt, dass er seinen Sold für Dienste im Krieg gegen Dänemark erhalten habe. Ob es Freibeuterdienste waren, geht aus dem Text nicht hervor. Quellenkundlich tot - in der Legende lebendig Manches aus dem Sagenschatz ist sicher nicht wert immer aufs neue erzählt zu werden. So beispielsweise, dass Klaus Störtebeker sechs Liter Bier in einem Zuge habe austrinken und 12 Schritte ohne Kopf geradeaus laufen können. Im übrigen sind aber recht erbauliche Geschichten darunter, wenn Störtebekers Edelmut, seine Tapferkeit und sein seemännisches Können gerühmt werden. Warum sie nicht den Kindern weiter erzählen? Freuen sie sich doch daran wie an Märchen. Niemand wird die Landschaften von Mecklenburg-Vorpommern bis Ostfriesland ihres Sagenschatzes berauben wollen. Wenn aber versucht wird, Klaus Störtebeker zu einer Figur der Geschichte zu machen, ist Vorsicht am Platze. Es gibt von ihm keine Nachrichten, die historisch sachgerecht sind. Was Geschichtsforscher seit über 100 Jahren wissen, sollte laut gesagt werden dürfen: Ein Seeräuber Klaus Störtebeker ist quellenkundlich nicht nachzuweisen. jr 18. November 2006 |