Kein Deich,

kein Land,

kein Leben!

 

Ein Dorf entstand auf Störtebekers Schleichweg

Im Mai 1945 war ein folgenschwerer Krieg zuende gegangen. Die Besatzungsregierungen sperrten Telefonleitungen, legten Eisenbahnlinien still, die Wasser- und Stromversorgung stockte, und die Bevölkerung hungerte. Überall wohin man schaute herrschte Mut- und Ratlosigkeit.

In dieser Situation entschloss sich das Domänen, Rent- und Bauamt in Norden, unter Federführung von Regierungs-Oberamtmann Karl Wenholt, am 11. Dezember 1945 dem Regierungspräsidenten in Aurich, Dr. Berghaus, die Bedeichung der inneren Leybucht vorzuschlagen. Im Juli 1946 konnte Dr. Berghaus das Amt in Norden davon in Kenntnis setzen, „dass die Regierung in Hannover eine große Entscheidung getroffen hat." Es war die Zustimmung zu einem Entwurf für den Deichbau vor der inneren Leybucht.

Inzwischen waren die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land noch schlechter geworden. Lebensmittel waren Mangelware erster Ordnung, und es war nicht einfach, eingesetzte Kräfte so zu motivieren, dass sie arbeitsfreudig blieben und die gestellten Aufgaben lösten. Das Domänen, Rent- und Bauamt bemühte sich um zusätzliche Verpflegung für die Deicharbeiter und um die Bereitstellung von Wetterschutzkleidung und Fahrräder.

Dem Landesernährungsamt in Oldenburg wurde die Situation so geschildert: „Die Arbeit eines Deicharbeiters ist sehr schwer. Schon in guten Friedensjahren musste er sich besonders kräftig verpflegen. Bevor er morgens aus dem Haus ging, verzehrte er durchweg eine große Pfanne voll fettester Bratkartoffeln oder einen Berg Pfannkuchen. Eine Menge, die für einen normal beschäftigten Mann den ganzen Tag gereicht hätte. Das tat er nicht etwa, weil ihm das in aller Herrgottsfrühe (4 bis 5 Uhr) schon so gut schmeckte, sondern weil sein Körper diese Nahrung für die Bewältigung der schweren Arbeit verlangte". Als „ausreichend" wurde eine Ernährungsgrundlage von 4.000 Kalorien bezeichnet.

Im Januar 1947 wurde die Wirtschaftsverwaltung Niedersachsen in Hannover um die Bereitstellung folgender Gegenstände gebeten: 44 Paar Gummistiefel, 400 Wetterschutzmäntel, 400 Paar Handschuhe, 50 komplette Fahrräder, 400 Fahrradreifen und 400 Fahrradschläuche. Im Durchschnitt wohnten die Arbeiter zehn bis 20 Kilometer von ihrer Arbeitsstelle entfernt und konnten die derzeitigen Wegstrecken nur mit dem Rad bewältigen. Tausenderlei andere Dinge mussten beantragt werden, Eisen, Kohle, Treibstoff, Karbid, Gummi, Holz, Edelmetall, Steine, Glas und Zement.

Am 31. März 1947 erhielt die Firma Holzmann AG in Hamburg den Zuschlag für die Durchführung der Baumaßnahmen zur Eindeichung der inneren Leybucht. Am 14. Mai um 9:30 Uhr begann der erste Bagger mit dem Aufsetzen der Spüldämme auf der Neuwesteeler Seite der Baustelle. Die Hamburger Firma setzte während der Baumaßnahmen etwa 50 eigene Arbeitskräfte ein.

Für den Bau des fast 5 Kilometer langen Störtebekerdeiches wurden rund 700.000 Kubikmeter Sandboden, 200.000 Kubikmeter Kleiboden und 150.000 Kubikmeter Soden bewegt. Vierhundert Mann gehörten während der gesamten Bauzeit zur Belegschaft des Deichbaubüros Leybucht, des Domänen, Rent- und Bauamt Norden. Trotzdem herrschte zu Beginn Arbeitermangel.

Das zuständige Amt in Norden ließ daraufhin im gesamten Bundesgebiet und besonders an der Zonengrenze Plakate mit der Überschrift: „Wer will siedeln?" verbreiten. Der Inhalt versprach den Interessierten eine Bevorzugung bei der Vergabe der Siedlerstellen auf dem entstehenden Polder. Je eher die Eintragung zur Mitarbeit erfolgt, umso günstiger für den Bewerber. Der Erfolg dieser Werbung war nicht überwältigend, aber etwa einhundert Arbeitskräfte (Koyer) wurden auf diese Weise gewonnen.

Immer wieder ersuchte das Norder Amt die zuständigen Stellen um Bereitstellung von ausreichender Bekleidung für die Arbeiter, und um menschenwürdige Ausrüstung der Wohnbaracken. Trotz aller Schwierigkeiten wurden die Bauarbeiten fortgesetzt.

In Deutschland ging es rapide bergab. Der Schwarzhandel blühte. Für Bargeld war zu normalen Preisen so gut wie nichts zu haben. Auf der Deichbaustelle mangelte es jetzt an allem, und dann kam die Währungsreform. Die Schaufenster füllten sich mit gehorteten Waren, doch kaufen konnte sie keiner, weil die D-Mark fehlte. Der Arbeitermangel war aber damit überwunden, und so ging es mit neuer Kraft ans Werk. Im März 1949 konnte der zweite Deichbauabschnitt abgenommen werden. Der dritte Abschnitt war im Dezember fertig. Es blieb eine Lücke von 750 Metern, die unter schwierigsten Umständen bis zum 5. Mai 1950 geschlossen wurde.

Die Wirtschaftsverhältnisse hatten sich zwei Jahre nach der Währungsreform weit-gehend normalisiert, und am 15. September 1950 waren die Arbeiten zur Bedeichung der Inneren Leybucht restlos abgeschlossen. Nun konnte sich im Schutz des Deiches ein bebaubarer Leybucht Polder entwickeln. Der gesamte Deichbau dauerte drei Jahre und vier Monate. Er kostete, unter Abwertung der Reichsmark im Verhältnis 1:10, rund 7,5 Millionen DM.

Noch bis zum Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts kursierten Skizzen von verschiedenen Planungsbüros, über die komplette Schließung der Leybucht mit einem Seedeich von Utlandshörn bis Hauen vor Greetsiel, hinter dem dann der Ort Neu-Bant entstehen sollte.

Nach dem Bau des Störtebekerdeichs vor die innere Leybucht, wurde in der Deutschen Bucht nie wieder eine Eindeichung für den Zweck der Landgewinnung durchgeführt. Es verblassten auch die Argumente der Verfechter der Landgewinnung, dass das Meer sich ja schließlich diese Gebiete bei den zahlreichen Sturmfluten des 14-Jahrhunderts geholt habe, und der Mensch es sich jetzt gerechterweise zurückholen wolle. Deichbau dient heute ausschließlich dem Schutz der bestehenden Küstenlinien.

Versteckt hinter Getreidefeldern und Baumgruppen liegt heute das Dorf Leybuchtpolder. Dort wo 1945 weder Baum noch Strauch stand, und der Blanke Hans das Gebiet zweimal täglich als Kindergarten für seine Sprösslinge, die Wellen, beanspruchte, nachdem er es vor etwa 600 Jahren, verursacht durch mehrere Sturmfluten, für sich vereinnahmt hatte, und die Orte Norden und Marienhafe zu Seehäfen machte.

Der Ort der seinen Namen von dem „Ley-Sand", einer Sandbank vor der gleichnamigen Bucht hat. Ley heißt im übertragenen Sinn „Blei". Der Sage nach soll das Dach des Turms der Kirche von Marienhafe im 14. Jahrhundert zur einen Hälfte mit Blei und zur anderen Hälfte mit Kupfer gedeckt gewesen sein, um Seefahrern, die in die neue Bucht einliefen, Orientierungshilfe zu geben. So sollen die Sandbänke Ley- und Kopersand ihre Namen erhalten haben. Wissenschaftler bezweifeln das, und sagen, das Wort „Ley" kommt von „Leeding" und bezeichnet Wasserläufe. Auch das Wort „Koper" nach dem hochdeutschen „Kupfer" soll demnach von dem Wort „Käufer" (plattdeutsch Kooper) stammen, und auf den damaligen wirtschaftlichen Nutzen dieses Seeweges zurückzuführen sein.

Im Spätsommer 1950 waren die letzten Arbeiten zur Eindeichung der inneren Leybucht abgeschlossen, und der Zutritt des „Blanken Hans" in dieses Gebiet war abgeriegelt. Damit war ein Werk abgeschlossen, das in schwersten Zeiten geplant und begonnen wurde. Die heimische Presse schrieb damals, „durch friedliche Landgewinnung ist die Bundesrepublik Deutschland um 1.000 Hektar Polderland gewachsen."

Der niedersächsische Landtag bestimmte 1952 durch ein besonderes Gesetz, dass auf dem eingedeichten Neuland hinter dem 4,7 Kilometer langen Störtebekerdeich eine neue Landgemeinde mit dem Namen Leybuchtpolder ins Leben gerufen wird. Bis dahin wurde der neue Polder als staatliche Gemeinschaftsweide genutzt.

Bis in das Jahr 1954 und darüber hinaus, wurde von der Hannoverschen Siedlungsgesellschaft mit dem Bau der Häuser und die Vergabe der Siedlerstellen die Besiedlung durchgeführt. Bei der Vergabe der Siedlerstellen bewarb sich etwa die Hälfte der Arbeiter am neuen Deich. Entsprechend einer Zusage der Regierung aus der Zeit vor der Währungsreform, sollten sie bevorzugt werden, sofern ein erforderlicher Eignungsnachweis vorgelegt werden konnte. Das Besiedlungsgesetz sah ferner vor, das 50 Prozent der Anwesen mit ostvertriebenen Landwirten besetzt werden.

Im neuen Dorf Leybuchtpolder fanden damals zunächst 102 Familien eine neue Heimat. Von den ersten Siedlern waren 74 Landwirte, die Flächen von sieben bis 17 Hektar Größe bewirtschafteten. Außerdem wurden noch 22 sogenannte Arbeiterstellen mit einer Größe von 0,75 bis einen Hektar zugewiesen. 4 Anwesen galten als Handwerkerstellen. Ein Dorfkrug mit Lebensmittelmarkt und ein Landhandel vervollständigten die Siedlung. Ein Grundstück auf dem eine Bäckerstelle geplant war, wurde nicht besetzte. Hier entstand später der Sportplatz.

Durch Beschluss des Landtages in Hannover wurde 1954 der Ort Leybuchtpolder, als politische Gemeinde ins Leben gerufen. Das Dorf wurde offiziell am 1. Juli 1954 gegründet. Leybuchtpolder war damit das jüngste neu gegründete Dorf in der Bundesrepublik Deutschland, und ist es bis heute geblieben.

Als die ersten Siedlerfamilien in den Ort zogen, waren nur kahle Backsteingebäude vorhanden. Die Zuwegungen waren überwiegend Sandkastentrassen für die späteren Betonstraßen. Mit Pferdefuhrwerken und damals wenigen Lastkraftwagen wurden die Umzugsutensilien samt Kind und Kegel über unbefestigte Hofzufahrten herangekarrt.

Eine Hofstelle mit 12 Hektar Land kostete ungefähr 77.000 DM und wurde durch langfristige, günstige Siedlungskredite finanziert.

Mit der Zuteilung der Siedlerstellen begann die Kultivierung und die Acker- und Grünlandbewirtschaftjung des jungen Seemarschbodens. Immer wieder gab es Rückschläge bei der arbeitsaufwändigen Entwässerung der Flächen durch handgegrabene „Grüppen" (Gräben), bis diese schließlich ab 1958 durch Tonrohrdrainagen entwässert wurden. Ab 1962 erfolgte die Entwässerung über das 5 Jahre zuvor gebaute Schöpfwerk Greetsiel.

Nachdem in den ersten Jahren rund um die Häuser Tiere weideten, oder Kartoffeln und Rüben wuchsen, bekam Leybuchtpolder durch Straßenbäume, und besonders durch die Anpflanzung von Büschen, Bäumen und Blumengärten bei den Häusern, dörflichen Charakter. Kurz vor Weihnachten 1955 wurde die Volksschule des Dorfes eingeweiht.

Die evangelisch lutherische Kirche wird am 15 Oktober 1960 eingeweiht, und im August des darauf folgenden Jahres wird auch der erste Gottesdienst im neuen evangelisch reformierten Gemeindezentrum gefeiert. 1969 wird der erste gemeinsame Gottesdienst abgehalten. Seither wird er ökumenisch im Sommer in der lutherischen, und im Winter in der reformierten Kirche gefeiert. In diesen Jahren finden auch zahlreiche Gründungen von Ortsvereinen statt.

Durch die Gebiets- und Verwaltungsreform gehört Leybuchtpolder seit dem 1. Juli 1972 zur Einheitsgemeinde „Stadt Norden". Hervorgerufen durch die Technisierung und die Agrarpolitik verändern sich in den folgenden Jahren die Strukturen des Ortes rasant. Heute gibt es in Leybuchtpolder noch 19 aktive landwirtschaftliche Betriebe, sowie 9 Betriebe von Gewerbetreibenden.

Neue Bebauungspläne gibt es seit 1995, und es sind daraufhin bisher über 20 Wohnhäuser entstanden. Auch Leybuchtpolder ist heute mehr und mehr Wohnstätte für die in der Industrie beschäftigten Einwohner geworden.

Text-Copyright by Johannes Ruhr

Erstveröffentlichung in zwei Teilen im Aurich. Ausgaben am 30.5. und 29.8. 2004