Inzwischen waren die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land
noch schlechter geworden. Lebensmittel waren Mangelware erster Ordnung, und es
war nicht einfach, eingesetzte Kräfte so zu motivieren, dass sie
arbeitsfreudig blieben und die gestellten Aufgaben lösten. Das Domänen, Rent-
und Bauamt bemühte sich um zusätzliche Verpflegung für die Deicharbeiter und
um die Bereitstellung von Wetterschutzkleidung und Fahrräder.
Dem Landesernährungsamt in Oldenburg wurde die Situation so
geschildert: „Die Arbeit eines Deicharbeiters ist sehr schwer. Schon in guten
Friedensjahren musste er sich besonders kräftig verpflegen. Bevor er morgens
aus dem Haus ging, verzehrte er durchweg eine große Pfanne voll fettester
Bratkartoffeln oder einen Berg Pfannkuchen. Eine Menge, die für einen normal
beschäftigten Mann den ganzen Tag gereicht hätte. Das tat er nicht etwa, weil
ihm das in aller Herrgottsfrühe (4 bis 5 Uhr) schon so gut schmeckte, sondern
weil sein Körper diese Nahrung für die Bewältigung der schweren Arbeit
verlangte". Als „ausreichend" wurde eine Ernährungsgrundlage von 4.000
Kalorien bezeichnet.
Im Januar 1947 wurde die Wirtschaftsverwaltung
Niedersachsen in Hannover um die Bereitstellung folgender Gegenstände gebeten:
44 Paar Gummistiefel, 400 Wetterschutzmäntel, 400 Paar Handschuhe, 50
komplette Fahrräder, 400 Fahrradreifen und 400 Fahrradschläuche. Im
Durchschnitt wohnten die Arbeiter zehn bis 20 Kilometer von ihrer
Arbeitsstelle entfernt und konnten die derzeitigen Wegstrecken nur mit dem Rad
bewältigen. Tausenderlei andere Dinge mussten beantragt werden, Eisen, Kohle,
Treibstoff, Karbid, Gummi, Holz, Edelmetall, Steine, Glas und Zement.
Am 31. März 1947 erhielt die Firma Holzmann AG in Hamburg
den Zuschlag für die Durchführung der Baumaßnahmen zur Eindeichung der inneren
Leybucht. Am 14. Mai um 9:30 Uhr begann der erste Bagger mit dem Aufsetzen der
Spüldämme auf der Neuwesteeler Seite der Baustelle. Die Hamburger Firma setzte
während der Baumaßnahmen etwa 50 eigene Arbeitskräfte ein.
Für den Bau des fast 5 Kilometer langen Störtebekerdeiches
wurden rund 700.000 Kubikmeter Sandboden, 200.000 Kubikmeter Kleiboden und
150.000 Kubikmeter Soden bewegt. Vierhundert Mann gehörten während der
gesamten Bauzeit zur Belegschaft des Deichbaubüros Leybucht, des Domänen,
Rent- und Bauamt Norden. Trotzdem herrschte zu Beginn Arbeitermangel.
Das zuständige Amt in Norden ließ daraufhin im gesamten
Bundesgebiet und besonders an der Zonengrenze Plakate mit der Überschrift:
„Wer will siedeln?" verbreiten. Der Inhalt versprach den Interessierten eine
Bevorzugung bei der Vergabe der Siedlerstellen auf dem entstehenden Polder. Je
eher die Eintragung
zur Mitarbeit erfolgt, umso günstiger für den Bewerber.
Der Erfolg dieser Werbung war nicht überwältigend, aber etwa einhundert
Arbeitskräfte (Koyer) wurden auf diese Weise gewonnen.
Immer wieder ersuchte das Norder Amt die zuständigen
Stellen um Bereitstellung von ausreichender Bekleidung für die Arbeiter, und
um menschenwürdige
Ausrüstung der Wohnbaracken. Trotz aller Schwierigkeiten
wurden die Bauarbeiten fortgesetzt.
In Deutschland ging es rapide bergab. Der Schwarzhandel
blühte. Für Bargeld war zu normalen Preisen so gut wie nichts zu haben. Auf
der Deichbaustelle mangelte es jetzt an allem, und dann kam die
Währungsreform. Die Schaufenster füllten sich mit gehorteten Waren, doch
kaufen konnte sie keiner, weil die D-Mark fehlte.
Der Arbeitermangel war aber
damit überwunden, und so ging es mit neuer Kraft ans Werk. Im März 1949 konnte
der zweite Deichbauabschnitt abgenommen werden. Der dritte Abschnitt war im
Dezember fertig. Es blieb eine Lücke von 750 Metern, die unter schwierigsten
Umständen bis zum 5. Mai 1950 geschlossen wurde.
Die Wirtschaftsverhältnisse hatten sich zwei Jahre nach der
Währungsreform weit-gehend normalisiert, und am 15. September 1950 waren die
Arbeiten zur Bedeichung der Inneren Leybucht restlos abgeschlossen. Nun konnte
sich im Schutz des Deiches ein bebaubarer Leybucht Polder entwickeln. Der
gesamte Deichbau dauerte drei Jahre und vier Monate. Er kostete, unter
Abwertung der Reichsmark im Verhältnis 1:10, rund 7,5 Millionen DM.
Noch bis zum Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts
kursierten Skizzen von verschiedenen Planungsbüros, über die komplette
Schließung der Leybucht mit einem Seedeich von Utlandshörn bis Hauen vor
Greetsiel, hinter dem dann der Ort Neu-Bant entstehen sollte.
Nach dem Bau des Störtebekerdeichs vor die innere Leybucht,
wurde in der Deutschen Bucht nie wieder eine Eindeichung für den Zweck der
Landgewinnung durchgeführt. Es verblassten auch die Argumente der Verfechter
der Landgewinnung, dass das Meer sich ja schließlich diese Gebiete bei den
zahlreichen Sturmfluten des 14-Jahrhunderts geholt habe, und der Mensch es
sich
jetzt gerechterweise zurückholen wolle. Deichbau dient heute
ausschließlich dem Schutz der bestehenden Küstenlinien.
Versteckt hinter Getreidefeldern und Baumgruppen liegt
heute das Dorf Leybuchtpolder. Dort wo 1945 weder Baum noch Strauch stand, und
der Blanke Hans das Gebiet zweimal täglich als Kindergarten für seine
Sprösslinge, die Wellen, beanspruchte, nachdem er es vor etwa 600 Jahren,
verursacht durch mehrere Sturmfluten, für sich vereinnahmt hatte, und die Orte
Norden und Marienhafe zu Seehäfen machte.
Der Ort der seinen Namen von dem „Ley-Sand", einer Sandbank
vor der gleichnamigen Bucht hat. Ley heißt im übertragenen Sinn „Blei". Der
Sage nach soll das Dach des Turms der Kirche von Marienhafe im 14. Jahrhundert
zur einen Hälfte mit Blei und zur anderen Hälfte mit Kupfer gedeckt gewesen
sein, um Seefahrern, die in die neue Bucht einliefen, Orientierungshilfe zu
geben. So sollen die Sandbänke Ley- und Kopersand ihre Namen erhalten haben.
Wissenschaftler bezweifeln das, und sagen, das Wort „Ley" kommt von „Leeding"
und bezeichnet Wasserläufe. Auch das Wort „Koper" nach dem hochdeutschen
„Kupfer" soll demnach von dem Wort „Käufer" (plattdeutsch Kooper) stammen, und
auf den damaligen wirtschaftlichen Nutzen dieses Seeweges zurückzuführen sein.
Im Spätsommer 1950 waren die letzten Arbeiten zur
Eindeichung der inneren Leybucht abgeschlossen, und der Zutritt des „Blanken
Hans" in dieses Gebiet war abgeriegelt. Damit war ein Werk abgeschlossen, das
in schwersten Zeiten geplant und begonnen wurde. Die heimische Presse schrieb
damals, „durch friedliche Landgewinnung ist die Bundesrepublik Deutschland um
1.000 Hektar Polderland gewachsen."
Der niedersächsische Landtag bestimmte 1952 durch ein
besonderes Gesetz,
dass auf dem eingedeichten Neuland hinter dem 4,7 Kilometer
langen Störtebekerdeich eine neue Landgemeinde mit dem Namen Leybuchtpolder
ins Leben gerufen wird. Bis dahin wurde der neue Polder als staatliche
Gemeinschaftsweide genutzt.
Bis in das Jahr 1954 und darüber hinaus, wurde von der
Hannoverschen Siedlungsgesellschaft mit dem Bau der Häuser und die Vergabe der
Siedlerstellen die Besiedlung durchgeführt. Bei der Vergabe der Siedlerstellen
bewarb sich etwa die Hälfte der Arbeiter am neuen Deich. Entsprechend einer
Zusage der Regierung aus der Zeit vor der Währungsreform, sollten sie
bevorzugt werden, sofern ein erforderlicher Eignungsnachweis vorgelegt werden
konnte. Das Besiedlungsgesetz sah ferner vor, das 50 Prozent der Anwesen mit
ostvertriebenen Landwirten besetzt werden.
Im neuen Dorf Leybuchtpolder fanden damals zunächst 102
Familien eine neue Heimat. Von den ersten Siedlern waren 74 Landwirte, die
Flächen von sieben bis 17 Hektar Größe bewirtschafteten. Außerdem wurden noch
22 sogenannte Arbeiterstellen mit einer Größe von 0,75 bis einen Hektar
zugewiesen. 4 Anwesen galten als Handwerkerstellen. Ein Dorfkrug mit
Lebensmittelmarkt und ein Landhandel vervollständigten die Siedlung. Ein
Grundstück auf dem eine Bäckerstelle geplant war, wurde nicht besetzte. Hier
entstand später der Sportplatz.
Durch Beschluss des Landtages in Hannover wurde 1954 der
Ort Leybuchtpolder, als politische Gemeinde ins Leben gerufen. Das Dorf wurde
offiziell am 1. Juli 1954 gegründet. Leybuchtpolder war damit das jüngste neu
gegründete Dorf in der Bundesrepublik Deutschland, und ist es bis heute
geblieben.
Als die ersten Siedlerfamilien in den Ort zogen, waren nur
kahle Backsteingebäude vorhanden. Die Zuwegungen waren überwiegend
Sandkastentrassen für die späteren Betonstraßen. Mit Pferdefuhrwerken und
damals wenigen Lastkraftwagen wurden die Umzugsutensilien samt Kind und Kegel
über unbefestigte Hofzufahrten herangekarrt.
Eine Hofstelle mit 12 Hektar Land kostete ungefähr 77.000
DM und wurde durch langfristige, günstige Siedlungskredite finanziert.
Mit der Zuteilung der Siedlerstellen begann die
Kultivierung und die Acker- und Grünlandbewirtschaftjung des jungen
Seemarschbodens. Immer wieder gab es Rückschläge bei der arbeitsaufwändigen
Entwässerung der Flächen durch handgegrabene „Grüppen" (Gräben), bis diese
schließlich ab 1958 durch Tonrohrdrainagen entwässert wurden. Ab 1962 erfolgte
die Entwässerung über das 5 Jahre zuvor gebaute Schöpfwerk Greetsiel.
Nachdem in den ersten Jahren rund um die Häuser Tiere
weideten, oder Kartoffeln und Rüben wuchsen, bekam Leybuchtpolder durch
Straßenbäume, und besonders durch die Anpflanzung von Büschen, Bäumen und
Blumengärten bei den Häusern, dörflichen Charakter. Kurz vor Weihnachten 1955
wurde die Volksschule des Dorfes eingeweiht.
Die evangelisch lutherische Kirche wird am 15 Oktober 1960
eingeweiht, und im
August des darauf folgenden Jahres wird auch der erste
Gottesdienst im neuen evangelisch reformierten Gemeindezentrum gefeiert. 1969
wird der erste gemeinsame Gottesdienst abgehalten. Seither wird er ökumenisch
im Sommer in der lutherischen, und im Winter in der reformierten Kirche
gefeiert. In diesen Jahren finden auch zahlreiche Gründungen von Ortsvereinen
statt.
Durch die Gebiets- und Verwaltungsreform gehört
Leybuchtpolder seit dem 1. Juli 1972 zur Einheitsgemeinde „Stadt Norden".
Hervorgerufen durch die Technisierung und die Agrarpolitik verändern sich in
den folgenden Jahren die Strukturen des Ortes rasant. Heute gibt es in
Leybuchtpolder noch 19 aktive landwirtschaftliche Betriebe, sowie 9 Betriebe
von Gewerbetreibenden.
Neue Bebauungspläne gibt es seit 1995, und es sind
daraufhin bisher über 20 Wohnhäuser entstanden. Auch Leybuchtpolder ist heute
mehr und mehr Wohnstätte für die in der Industrie beschäftigten Einwohner
geworden.
