Das Schöpfwerk Greetsiel

Seit über 50 Jahren ohne nennenswerte Pannen in Betrieb

Klimawandel mit steigenden Meeresspiegeln, heftiger als je zuvor wehenden Stürmen und in kürzester Zeit niedergehenden sintflutartigen Regenfällen beschäftigen gegenwärtig Experten und Laien im gleichen Maße. In der Verantwortung stehende Fachleute bei den hierfür zuständigen Institutionen in unserer Region hingegen dürften sich indes etwas zurücklehnen, obwohl das zu keiner Zeit ihre Art war. Die hiesigen Deichachten melden gegenwärtig die Abschlüsse bei den in den letzten Jahren auf den Sollstand gebrachten Deichlinien, und die Entwässerungsverbände überzeugen die Öffentlichkeit von dem durch sie geplanten, gestalteten und gepflegten Entwässerungssystem unseres flachen Landes. Dieser notwendige Spielraum zwischen einem gegenwärtigen Bedarfszustand und den kaum berechenbaren Kapriolen von Wind und Wetter zeigte sich für den 1. Entwässerungsverband Emden bei der Inbetriebnahme seines neuen Schöpfwerks Greetsiel, welches das alte Problem der Binnenentwässerung im Verbandsgebiet zukunftssicher lösen sollte und dessen Start, nach zweijähriger Bauzeit, am 9. September 1957 erfolgte.

 
Erst nach der Fertigstellung des Schöpfwerkgebäudes konnte der Vorfluter ausgehoben werden.

Vorgesehen war zunächst ein Probelauf der drei Pumpen zur Beseitigung der „Kinderkrankheiten“. Wochenlanger Starkregen im Spätsommer des Jahres hatte die Binnenwasserstände zu jener Zeit bedrohlich hoch ansteigen lassen. Ohne Testphase startete die Anlage neben dem neuen Siel darauf mit einem neuntägigen Hochbetrieb. Nicht weniger als acht Millionen Kubikmeter Wasser wurden in diesen Tagen Außendeichs befördert. Auch bei den hohen Pegelständen zu Hochwasserzeiten in dem damals noch tideabhängigen Gebiet gab es keine Unterbrechungen.

 
Die drei Pumpen befördern 15 Kubikmeter Wasser in der Sekunde aus dem Vorfluter in das Speicherbecken Leyhörn

Die so genannte aufgelöste Bauweise mit dem getrennten Einlauf am Vorfluter vor dem Maschinenhaus, den drei Druckrohren durch den Deich und dem externen Auslaufwerk an der einstigen Seeseite – ursprünglich so geplant um den Bestand des Deiches und des damals fast sieben Jahrzehnte alten "neuen Siel" nicht zu gefährden - hat sich buchstäblich vom ersten Tag an bewährt.

 

Das angewendete Prinzip der aufgelösten Bauweise

Der Wassernotstand im Nordgebiet des Verbandes wurde durch die bereits 1948, infolge der immer stärker werdenden Verschlickung des Greetsieler Außentiefs, so geplante Schöpfwerksanlage bewältigt. Schon 1929 von Experten ermittelte Werte zeigten die Notwendigkeit für ein Schöpfwerk an dieser Stelle. Ein tauglicher Entwurf vom 30. April 1949 landete wegen der aussichtslosen Finanzlage in den ersten Nachkriegsjahren in der Schublade. Ohne lange Vorgeschichte flossen aber ab 1955 die benötigten finanziellen Mittel, so dass die Schublade wieder geöffnet werden konnte um den dort abgelegten Plan verwirklichen zu konnte.

 

Bis in das Jahr 1960 hinein waren in den Niederungen, bei außergewöhnlich hohen Binnenwasserständen, viele Anwesen noch auf Selbsthilfe angewiesen

 

Die bis heute ohne nennenswerte Störungen ihren Dienst verrichtenden Herzstücke des Schöpfwerkes, die Pumpenanlagen, warteten bereits seit 1947 im MAN Werk in Gustavsburg auf ihren Einsatz in Greetsiel. Die drei Hochspannungsmotoren gehörten seinerzeit zu nicht ausgelieferten Kriegsaufträgen und wurden vom Verband durch zahlreiche Anfragen in Süddeutschland aufgestöbert und mit 49.630 Reichsmark angezahlt. Trotz ihres Alters fanden diese Motoren Berücksichtigung im technischen Gefüge der Pumpenanlage die in der Zeit zwischen 1955 und 1957 in dem entstehenden Bauwerk integriert wurde.

 
Zwei Generationen Schleusenmeister fachsimpeln an einem der Herzstücke der Pumpenanlage (v.l:) Dirk Rothe und Walter Weerts

Die vier in den 50 zurückliegenden Jahren vor Ort tätigen Schöpfwerksmeister, Bernhard Schwart, Georg Kunkel, Walter Weerts und jetzt Dirk Rothe sorgten stets mit den nötigen Fertigkeiten für den reibungslosen Lauf der rund 11 000 Hektar entwässernden Anlage. Eine in Schleswig-Holstein von einer kleinen Firma neu entwickelte Rechenreinigungsanlage kam derzeit in unserer Region erstmals am neuen Greetsieler Schöpfwerk zum Einsatz und bewährte sich ebenso bis heute wie das damals mit zwei Millionen DM Baukosten veranschlagte Bauwerk sowie die angepassten Vorfluter und deren Brücken, die mit weiteren drei Millionen DM den Gesamtetat ausmachten. Heute ist der Hafen Greetsiel durch das im September 1991 in Betrieb genommene Leysiel tidenunabhängig.

 

Ein seltener Blick über den Vorfluter zur Straßen-brücke, der nur den Besuchern des Schöpfwerks vorbehalten bleibt.

Trotzdem war die Existenz der weitsichtig und universell angelegten Bauweise und Betriebsart des Greetsieler Schöpfwerkes nie in Frage gestellt. Der größte Teil der anfallenden Wassermengen die durch das Leybuchtsiel und das Schöpfwerk des Norder Wasserverbandes und der beiden Greetsieler Siele und das über 50 Jahre alte Schöpfwerkes des 1. Entwässerungsverbandes Emden in das Speicherbecken des Leyhörngebietes gepumpt werden, kommt aus dem nördlichen Gebiet des in Pewsum ansässigen Verbandes. „Von den zu bewältigenden Wassermengen können von Greetsiel aus jedoch nur zwei bis fünf Prozent gesielt werden. Der größere Teil muss kostenträchtig gepumpt werden, während der Norder Verband 90 Prozent der in seinem Gebiet anfallenden Wassermengen kostengünstig sielen kann, informiert Rendant Eggo Schreitling.

 
Im Vordergrund das so genannte Auslaufbauwerk auf der Gegenseite des Deiches. Im Hintergrund die Steganlage des Greetsieler Yachthafens.

Seit 2006 steht das Schöpfwerk Greetsiel unter Denkmalschutz. In den letzten drei Jahren wurden nach Worten von Obersielrichter Gerjet Meyenburg zwei der drei Wasserausläufe überholt. Die Restauration des dritten Deichdurchlaufes ist für das Jahr 2008 geplant. Ferner sind kürzlich die Dachrinnen, die Fenster und das Tor zum Pumpenhaus der Anlage gemäß den gestalterischen Vorgaben der Denkmalbehörde erneuert worden. Auch der Einzug der Digitaltechnik macht vor der Greetsieler Anlage künftig keinen Halt und stellt den Verband und seine Mitarbeiter vor neue Herausforderungen, um kommenden stürmischen und nassen Zeiten mit dem traditionell bewährten Vorsprung zu begegnen.

Johannes Ruhr

Erstveröffentlichung: EMDER ZEITUNG, Ausgabe 8. September 2007