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Warum ist in Ostfriesland alles anders?Häuptlingsherrlichkeit und friesische FreiheitDie Ostfriesen waren schon immer etwas eigen. Als die deutschen Kreuzfahrer übers Mittelmeer zum Kreuzzug ins Heilige Land fuhren, sollen sie dort den Ostfriesen begegnet sein - aber die waren als Piraten gekommen und zogen ihre mehr oder weniger frommen, meist aber ebenfalls auf Abenteuer und Beute erpichten deutschen Landsleute bis auf das Hemd aus. Ostfriesen betätigten sich längst erfolgreich im internationalen Seehandel, während die Hanse noch in den Kinderschuhen steckte. Als die Hanse ihnen das Wasser abgrub, raubten sie kurzerhand deren Schiffe aus. Vor allem aber aus der inneren rechtlichen Verfassung, der "Friesischen Freiheit" entstand jene Andersartigkeit, die eine völlige Anpassung verhinderte. In dieser Tradition liegen aber auch die Wurzeln für die wirtschaftlichen Probleme, mit denen die strukturschwache Region heute zu kämpfen hat. Die "Friesische Freiheit" entwickelte sich während des hohen Mittelalters im Nordsee-Küstenraum als Alternative zur Adelsherrschaft. Während im übrigen Deutschland eine strenge Rangordnung zwischen Adeligen, Freien, Halbfreien und Unfreien galt, kannten die freien Friesen nur soziale Unterschiede zwischen reich und arm. Das friesische Recht schützte und strafte alle gleichermaßen. Im 13. Jahrhundert, als diese Rechtsordnung ihre stärkste Ausprägung erreichte breitete sich in Ostfriesland unübersehbar der Wohlstand aus. Davon zeugen heute vor allem die großen eigenwilligen Kirchenbauten in Marienhafe, Norden und Esens. Schon damals gewannen die Ostfriesen dem Meer Land ab, bauten Deiche und kultiviert Ödland. Das brachte neue Wirtschaftsflächen für Ackerbau und Viehzucht. In den Marktorten florierte der Handel. Wer das Glück hat über fette Weiden und fruchtbaren Acker zu verfügen, konnte seinen Besitz auf Kosten der weniger vom Erfolg gesegneten Nachbarn erheblich mehren. Denn ganz so ideal, wie es auf den erst Blick scheint, bewährte sich die Rechtsordnung der damaligen Zeit nicht. Zum Beispiel zwangen die in vielen Fällen angedroht Geldbußen den Armen mit mehr Nachdruck zum Wohlverhalten als den Reichen. Und politisch handlungsfähig und berechtigt war nur die Besitzenden. In der gesellschaftlich Wirklichkeit regelte das Recht der Frieschen Freiheit weniger das Verhältnis zwischen arm und reich - hier setzte sich der Stärkere durch -, vielmehr stabilisierte das Gleichgewicht der Kräfte unter den Wohlhabenden. Heute würde man eine solche Rechts- und Wirtschaftsordnung als liberal bezeichnen. Aufgrund dieser Verhältnisse ballte sich immer größerer Grundbesitz und Reichtum in der Hand von wenigen. Im 14. Jahrhundert schließlich sprengte die zunehmende Polarisierung zwischen arm und reich den überkommenen Rahmen der Friesischen Freiheit. Die aus der bäuerlichen Oberschicht hervortretenden Häuptlingsfamilien setzten ihre wirtschaftliche Macht auch politisch um. Sie bauten befestigte Steinhäuser zu Burgen aus un legten sich ein Gefolge aus kriegerischen Reisigen zu. In Kleidung und Sprache übernahmen die Häuptlinge das Gehabe des europäischen Adels, um sich gegenüber dem Volk abzugrenzen. Die friesische Sprache wich dem Niederdeutschen. Untereinander trugen die Häuptlinge dauerhafte Machtkämpfe aus. Die Familie der Cirksena ging aus ihnen als Sieger hervor, und 1464 wurde Ulrich Cirksena zum Reichsgrafen erhoben, sein Herrschaftsbereich zur Reichsgrafschaft erklärt. Damit verlor Ostfriesland seinen Sonderstatus im Reich. Das Volk machte. aber nicht mit. Die Anpassung an das übrige Deutschland in Sprache und Sitte blieb auf die Oberschicht begrenzt und den Ostfriesen gelang es, überkommene Rechte und Freiheiten zu behaupten. So gab es in dem Land an der Küste kein Lehnswesen, und als die Cirksena-Grafen die unumschränkte Herrschaft des Absolutismus in Ostfriesland durchsetzen wollten, wehrten sich die Landstände mit Erfolg unter Berufung auf ihre alten Rechte.
Der Erfolg hat aber auch seine Schattenseiten. In die Zeit des Absolutismus fällt die erste große Welle staatlicher Wirtschaftsförderung. Nach französischem Vorbild werden überall in deutschen Landen Manufakturen eingerichtet, Schulen und Universitäten gegründet und allgemein das Bürgertum gestärkt, das schließlich in der Gegenreaktion der Aufklärung die absolute Herrschaft der Monarchen eingrenzte. Ostfriesland nahm aber an diesen wirtschaftlichen, geistigen und politischen Bewegungen kaum teil, weil es die eigenartigen Verhältnisse in dieser Region gar nicht betraf. jr - 26. November 2006
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