Wie der Rock 'n' Roll nach Ostfriesland kam fresena-media
 

 

 

 

 

 

Die Kalli Meyer Story

von Johannes Ruhr   

 

Roll Over Beethoven

Kalli Meyer sen.

Bereits in den 40er Jahren erkannte er das "Feeling" der kommenden Generationen, das ihm und seiner Geschäftsphilosophie bis in die 90er Jahre hinein recht gab.

„Musik aus aller Welt!" Weithin sichtbar - das Aushängeschild von Meyer's „Hula-Hoop-Song", dem Treffpunkt der Jugend Ostfrieslands, in den Zeiten, als Rock- und Beatmusik angesagt waren. In Zeiten, als sich kein deutscher Rundfunksender an solche Musik heranwagte, obwohl diese Mode aus Großbritannien und den „Staaten" herüberschwappte. In Zeiten, als Fotos, teils mit Trauerflor versehen, von Männern in zackiger Haltung und Uniform auf den Zimmerschränken standen und die Nachkommen anfingen, sich in „lässiger Pose" und mit Zigarette (a la James Dean) fotografieren zu lassen. In Zeiten, als Rockerbanden die Heimat erzürnten, und die Existenz eines sogenannten „Hot-Club", eine 1000 Seelen Gemeinde, durch die kursierenden Gerüche über das Unwesen das dort getrieben werden soll, so sehr in ihren Grundfesten erschütterte, dass selbst die Heimatpresse sich wochenlang nicht mehr beruhigen konnte. In hiesigen Kinos liefen Filme an, bei deren Aufführungen die Polizei anwesend war, um vermuteten Ausschreitungen, nach dem Vorbild in den Großstädten, im Keim zu ersticken. Schuld an allem soll der Rock'n'Roll gewesen sein. „Diese ,Hottentotten und Negermusik’ bringt uns Gewalt und Drogen", so Personen aus dem öffentlichen Leben Ende der 5Oer Jahre. In Wirklichkeit erholte sich unsere Nation gerade von Gewalt, die für einige aber auch Droge war. Rock'n'Roll war das Ventil für die erste Nachkriegsgeneration. Versprochen war: Es sollte alles besser und schöner werden. Aber irgendwie lief es doch so an, „wie es die Alten sungen". Dabei: Unsere Droge war blau und aus festem Baumwollstoff, und hatte einen ‚Levi’s" oder „Lee" Brand auf einem Lederviereck an der rechten Gesäßtasche, und war, wie das bei Drogen so ist, für die meisten von uns unerschwinglich!

„Roll Over Beethoven", Chuck Berry kündigte an, was Sache war. Diese Ankündigung einer neuen Ära, wo sollte die Jugend diese Rufe hören? Im Radio suchte man vergebens, wenn nicht gerade Jemand mit riesigem Antennenaufwand in der Lage war „Radio Luxemburg", „Hilversum" oder Sender der Besatzungstruppen einzufangen. In den Geschäften Achselzucken: „Haben wir nicht, kennen wir nicht".

Auf den Jahrmärkten indes erkannten die Schausteller diesen Trend und lieferten das, wonach das „Teenager-Herz" rief. „Rock'n'Roll" und zwar „laut und deutlich" und ohne Mittel- und Kurzwellengeräusche, aber so wuchtig, das die Ohren Augen machten! In unserer Region war „Meyer's Auto-Rennbahn" (so der ursprüngliche Name des Fahrgeschäftes) der Geheimtipp für den Rock-Fan. Hier hörte man die Musik, die es sonst nirgends zu geben schien. Meyer, der seine Topsongs in Holland einkaufte, und dort Familienangehörige hatte, verstand es immer wieder, mit seinem Musik-Mix den Nerv der Generation zu treffen.

Nur wenigen Dingen des täglichen Lebens ist es vorbehalten, im nachhinein mit einem besonderen Glanz versehen zu werden. Meyer's „Hula-Hoop-Song" mit seiner Musik und den dazu gehörenden Geschichten ist so ein Ding. Ob wir wollen oder nicht: Die Allgegenwart dieser Songs lässt keine Ohren (und manchmal Augen) trocken, und verbindet sich unbemerkt mit Situationen, mit den Bekannten und Freunden von einst und heute. Es wurden Songs, die wir nicht aus dem Kopf bekommen. Unvergessene Musik zu unvergessenen Geschichten. Aus dieser Zeit ist die vorliegende, kurzweilige, abschweifende, teils komische, tiefschürfende Geschichte zu der damit verbundenen Zeit!

Gedacht für die seligen Stunden, wenn wir an den ersten Kuss, an Hawaii-Toast, Hula-Hoop-Reifen, Gummibaum, Nierentisch, Petticoats, die Adenauer-Ära und an stromlinienförmige Auto-Kotflügel denken!

Die Zeit davor

In jenen Wochen als ich begann, mir ernsthafte Gedanken darüber zu machen, die Geschichte des Rock’n’Roll in Ostfriesland, verbunden mit der Geschichte des Auslösers (Meyer’s Hula-Hoop-Song) und einem Teil meiner Jugend-Erlebnisse in den 1950er und 1960er Jahren in und um meinen Heimatort, zu schreiben und zu veröffentlichen, erschien ein Musik-Album des Irischen Rocksängers Van Morrison (Jahrgang 1945) mit dem Titel: „Enlightenment". Ein Song auf diesem Album heißt": IN THE DAYS BEFORE ROCK’N’ROLL", und ich staunte nicht schlecht, als ich mir den Text dieses Songs anhörte. Ausgerechnet Van Morrison, das ehemalige Mitglied der Band „Them", traf den Nagel auf den Kopf, und behandelt das gleiche Problem, das zu meiner Beruhigung offenbar schon damals ein „europäisches" war. Ein Grund für mich, den Text von Van Morrison meiner Geschichte voranzuschicken.

IN THE DAYS BEFORE ROCK ,N' ROLL

Justin, gentler than a man

I am down on my knees

At the wireless knobs

I am down on my knees

At the wireless knobs

Telefunken, Telefunken

And I’m searching for

Luxembourg, Luxembourg,

Athlone, Budapest, AFM,

Hilversum, Helvetia

In the days before the rock,n'roll

In the days before rock,n'roll

In the days before rock,n'roll.

When we let, then we bet

On Lester Piggott when we met

We let the goldfish go

In the days before rock,n'roll.

Fats did not come in

Without those wireless knobs

Fats did not come in

Without those wireless knobs

Elvis did not come in

Without those wireless knobs

Not Fats, not Elvis

Not Sonny, not Lightning

Not Muddy, nor John Lee.

In the days before rock,n'roll

In the days before rock,n'roll.

When we let and we bet

On Lester Piggott 10/1

And we let the goldfish go

Down the stream

Before rock,n'roll.

We went over the wavebands

We'd get Luxembourg,

Luxembourg and Athlone.

AFM Stars of Jazz

Come in, come in, come in, Ray Charles

Come in, the high priest.

In the days before rock,n'roll

In the days before rock,n'roll.

When we let and we bet

On Lester Piggott 10/1

And we let the goldfish go

And then the killer came along

The killer, Jerry Lee Lewis

A whole lotta shakin' goin' on,

Great balls of fire

Little Richard

Justin, gentler than a man

Justin, Justin, where is Justin now?

What's Justin doing now?

Just, where is Justin now?

Come aboard

Van Morrison

Van Morrison beschreibt, wie er den Knopf an seinem "TELEFUNKEN" Radiogerät dreht, und auf der erleuchteten Skala beispielsweise Radio Luxemburg sucht, um seine Rock-Favoriten zu hören. Das Radio als magische Verbindung zur Welt des Rock’n’Roll.

Wie der Rock'n'Roll nach Ostfriesland kam

Ein Karussell wird zum Musiktempel, ja zur Rock'n'Roll-Insel im Meer der Tanz- und Unterhaltungsmusik der 60er Jahre in unserer Region. "Meyer's Autorennbahn", oder "Hula-Hoop-Song", wie der Inhaber das Karussell später nannte, ist Kultstätte der Jugend. Hier wird die Musik gespielt, die von den bundesdeutschen Rundfunksendern nicht wahrgenommen wird. Nur die "Wellenjäger" können am Tage an den kreischenden Lautsprechern über Kurzwelle und abends auf der Mittelwelle den "fröhlichen Wellen von Radio Luxemburg" (so lautet zu dieser Zeit der Slogan des Senders) sowie Radio Hilversum - mancherorts auch AFN oder BFBS (Radiostationen der Besatzungstruppen) lauschen, um mitzuerleben was die Jugend der Welt hören will. Nur zweimal im Jahr änderte sich diese Situation - immer dann, wenn Jahrmarkt war.

Zu den jährlichen Höhepunkten in unserer 1 000 Seelen Gemeinde zählte in den 1950er Jahren ohne Zweifel der Frühjahrs- und der Herbstmarkt. Mindestens unter uns Jugendlichen änderte sich der Tagesablauf und die Fieberkurve, wenn die Marktwoche nahte. Die anrückenden Wohn- und Packwagen der Schausteller wurden mit Hurra empfangen und bis zu ihren Standplätzen begleitet. Der Höhepunkt war erreicht, wenn der "Meyer-Soundtrack" hörbar wurde. Zwei Wagengespanne, jeweils von einem Lanz-Bulldog gezogen, hatten, von uns sehnlichst erwartet, ihr Ziel erreicht. Sie sind wieder da, die Meyer's mit ihrer Autobahn!

Der "Meyer-Soundtrack". Vor Marktbeginn war es das Dröhnen der Zugmaschinen, denn was um alles in der Welt brachte in dieser Zeit die Erde schöner zum Beben als ein Lanz? Das Karussell selbst, eigentlich nichts außergewöhnliches, nur, hier wurde Musik gespielt, die woanders vergeblich zu suchen war. Vor dem Karussell prangerte eine Leuchttafel weithin sichtbar mit dem Satz: "Musik aus aller Welt". Auch dahinter mag man aus heutiger Sicht nichts besonderes vermuten, doch die Situation war eine andere.

Im Allgemeinen glaubte man, dass die Rock’n’Roll Ära 1956 mit dem Erscheinen von Elvis Presley, Carl Perkins und Bill Haley begann. In Wirklichkeit wurde diese Periode mehr von den Nachkriegsjahren und der veränderten politischen Beziehung zwischen den Nord- und Südstaaten von Amerika geprägt. Den Original-Rhythmus konnte man aber schon in der Musik des Südens Mitte der 40er hören. In dieser Zeit begann sich ganz Amerika auf den Weg zu machen, der zum Rock’n’Roll führte. In den USA also schon sehr lange, jetzt aber grassierte das Rock'n'Roll Fieber auch in Großbritannien und in den Benelux-Ländern. "Roll over Beethoven", Chuck Berrys Kampfansage an die Klassik, kam wie gerufen. Da war endlich einer der die Empfindungen der Jugend artikulierte. Aversionen gegen langweilige Musik im Radio – Wunschskonzerte mit Stücken aus den einschlägigen Operetten und der Volksmusik mit deren „Moritaten" und so genannten „Gassenhauer", oder dem, was man später "Deutscher Schlager" nannte - und im Elternhaus so gerne gehört wurde. Wusste ich doch, dass mich nur wenige Zentimeter auf der erleuchteten Skala des Blaupunkt-Gerätes von AFN, Radio Hilversum oder Radio Luxemburg trennten. Von den Sendern, die auch für mich eine neue Ära ankündigten. Ein Drehen an dem Senderknopf war kategorisch ausgeschlossen, weil die Eltern das Programm bestimmten.

Aber auf dem Jahrmarkt da bestimmte Kalli Meyer in seinem Musik-Tempel (Meyer's Auto-Rennbahn) das Programm: Rock'n'Roll, Swing, Jazz, Blues, eben all' das, was die "Jugend der Welt" hören wollte, ebenso wie wir. Als Zugabe der urige "Meyer-Sound", viel Bass und gute Lautstärke. Endlich Elvis, Eddie Cochran, Buddy Holly, Little Richard, Bill Haley, Fats Domino und Chris Barber in lupenreinem Klang, ohne Mittel- oder Kurzwellengeräusche. Musik die es sonst bei uns nicht gab, auch nicht in den Geschäften. In jener Zeit glaubte ich, die schlechte Versorgungslage hinge mit meinem Wohnort zusammen. Später, als ich an der Peripherie Ostfrieslands beruflich tätig war, erfuhr ich, dass die Situation im ganzen Land ähnlich miserabel war. Kalli Meyer besorgte sich seine Schallplatten bei Familienmitgliedern in den Niederlanden.

Wie magisch, die Anziehungskraft von "Meyer's Autobahn" auf die Jugend. Hier wo "Hottentotten- und Negermusik" gespielt wird (amerikanische Schallplatten wurden in der Erwachsenenwelt mit diesen Ausdrücken verpönt), ist man sich unter Garantie vor den Altvordern sicher, wenn das so gewollt ist.

Kalli Meyer Senior, geboren in Ankum im Oldenburger Münsterland wuchs bei Pflegeeltern in Aurich auf und erwarb 1935 das fünf Jahre zuvor als Berg- und Talbahn konstruierte Fahrgeschäft von dem damals sehr populären Bremer Karussellbetreiber Lambertz, und nannte es künftig - im Hinblick auf die damaligen Erfolge der Silberpfeile und der legendären Rennfahrer Rosemeyer, von Brauchitsch, Stuck und Caracciola - "Auto-Renn-Bahn". Greifender Werbeslogan: "Ab 20 Uhr die beliebten Schnellfahrten". Eine Art Geschwindigkeitsrausch bei diesen Karussellfahrten entwickelte sich damals trotz der gesetzlich beschränkten Umdrehungszahl von neun Runden in der Minute (ca. 45 Km/h), der gefühlt, durch den geringen Durchmesser des Drehkreises und des krassen Lichtwechsels zwischen Tageslicht in Vorderteil und dem verdunkelten Rückteil des Fahrgeschäftes entstand. Damals schon elektrisch angetrieben, war das Karussell aufwendig mit Skulpturen und Bildern der griechischen Mythologie ausgestattet. Blickfang bis in die 80er Jahre blieb die Statue der "Victoria mit dem Siegeskranz" die sich in "tänzelnder Haltung" auf der Karussellachse mitdrehte. Die Sitzgelegenheiten waren zunächst sofaähnliche Bänke mit hohen Rücklehnen (Chaisen), verkleidet mit nachgebildeten, hölzernen Karosserien, dazwischen übergroße Räder-Imitationen die sich jedoch nicht drehten. Anfänglich handelte es sich um ein so genanntes Schwebekarussell. Der hintere Teil des Fahrgeschäftes lag total im Dunkeln und wurde "Tunnel" genannt. Diese Karussellhälfte war nur schwerlich durch die beiden Tunnelbogen zu erreichen, wurde aber zusehends bei den Besuchern beliebter. Die Blütezeit des Karussells lag in den Jahren zwischen 1958 und 1970. In dieser Zeit konnte Meyer auf jedem Markt "Voll-Haus" melden!

Die Fangemeinde war beachtlich. Viele reisten dem Karussell nach, egal ob es in Aurich, Emden, Norden, Leer, Wittmund, Hesel, Marienhafe oder gar in Lohne oder Diepholz stand. Der harte Kern wurde auch dort gesichtet. Sie kamen "per Anhalter", oder mit den "Kreidler", "Quickly" und "K50" Mopeds. Auch mit dem Bus sollen die Rock-Fans angereist sein, unauffällig, wenn es ging. Bus fahren war verpönt. Ihre Spitznamen entsprechend den Namen der Zeitabschnitts-Prominenz: Elvis, Gandhi, Joey, Jonny, Eddie, Buddy, Hotte und "Gummimann".

Suchen brauchte man nicht lange. Die "Musik aus aller Welt" war stets unüberhörbarer als die der anderen Fahrgeschäfte. Ein weiteres Relikt war die Sirene mit dem durch "Mark und Bein" gehenden Ton. Wer sie ausgemacht hatte, der kannte den kürzesten Weg zur "Rock'n'Roll-Insel" auf dem Rummelplatz. War die Karussellrampe erreicht, konnte man sich entscheiden zum kostenlosen Musikgenuss oder ob man sich durchdrängelt um ein paar Runden Musik mit Geschwindigkeitsrausch zu genießen, nachdem ein paar Groschen locker gemacht wurden. Wem das nicht genug war, der ließ sich weit aus dem Wagen heraushängen, bis die Durchsage kam: "'rauslehnen verboten!" So Mancher, der diese Übung nicht richtig beherrschte, lernte wie man zum "Brett vor dem Kopf" kommt. Die Tunnelbogen waren manchmal im Weg!

Meyer's Auto-Renn-Bahn in den 40-er Jahren und 1952    (Bild 1).

Zu Beginn der 70er Jahre, als der Rock'n'Roll außerhalb Deutschlands seinen Höhepunkt erreichte, kam die Hula-Hoop-Bewegung. Plötzlich waren sie massenhaft da, die Hula-Hoops, die jeder zu besitzen schien. Die Hula-Hoop-Welle war eine Mode, die alle mitmachen wollten. Es ging dabei um Geschicklichkeit - wer schaffte es, den roten, gelben, blauen oder grünen Reifen am längsten um die Hüfte kreisen zu lassen? - und ums Schicksein. Hula-Hoops waren im Trend wie die Petticoats, die Mütter ihren Töchtern kauften. Rock'n'Roll-Platten rotierten zunächst gegen den Trend auf den Plattenspielern, sie gehörten nicht zum Zeitgeist, sondern liefen ihm zuwider.

Mit der Hula-Hoop-Bewegung kam bei den Meyer's der Generationswechsel. Kalli Meyer Senior (Markenzeichen: Ledermütze, Lederweste), übergab das Fahrgeschäft an seine Söhne „Kalli" Junior und Franz ("Franzi"). Auch das Karussell bekam einen neuen Namen: "Hula-Hoop-Song", und ein neues "Outfit". Aus dem Schwebekarussell wurde ein Auflegerkarussell. Das sich drehende Teil stützte sich nun auf 20 Gummiräder, die auf einer Eisenschiene rollten und dadurch, entgegen den Rädern anderen Karussells dieser Bauart, nur noch rauschten und damit auch den Musikgenuss förderten. Andere Fahrgeschäfte, wie Berg- und Talbahnen, Raupen- oder Raketenbahnen, die sich auch durch beliebte Musik hervortaten, verursachten in diesen Jahren auf Grund ihrer Bauweise noch sehr hohe Fahrgeräusche, die aber den ausschließlichen Musikgenießer vergraulten. Die neuen Gummiräder in Meyers Tunnelbahn waren aber nicht irgendwelche, sondern Räder die eigentlich für eine Sackkarren-Produktion gedacht waren. Platzte ein Reifen, so musste eine neue Sackkarre her (damalige Investitionssumme, DM 29.50). Die Mitarbeiter entwickelten bei den Reifenwechseln eine so hohe Geschicklichkeit, wie sie nur noch durch die Formel Eins Mechanikern übertroffen wurde.

Der eigentliche Clou aber waren die neuen "Chaisen". Als Vorderteil wurde die Front des "Messerschmitt Kabinenroller KR 201 Roadster" verwendet. Der Rest des Wagens wurde nach den spezifischen Wünschen der Schausteller-Brüder und den räumlichen Möglichkeiten (das Fahrgeschäft hatte lediglich einen Durchmesser von 15 Metern), in der Schmiede Hippen in Tannenhausen bei Aurich gefertigt. Damit war es gelungen, ein Kultobjekt der Landstraße in eines unter den Fahrgeschäften zu integrieren. In der folgenden Zeit wurden auch die Dekorationsverkleidungen aus den Vorkriegsjahren durch zeitgenössische Motive aus der populären Musikszene ausgetauscht, wodurch längst nicht alle Fans in Begeisterung versetzt wurden!

Mittlerweile hatte die Rockmusik, dank solcher Fahrgeschäfte wie das der Meyer's - und der sich in den Kneipen mehr und mehr etablierenden Musikboxen - den großen Durchbruch geschafft. Im Nachhinein wurden durch den Einfluss der Plattenbosse in der Bundesrepublik die Pionierjahre einfach zum Jahrzehnt des Rock'n'Roll uminterpretiert. Die deutsche Plattenindustrie verkaufte die alten Rock'n'Roll Größen knallhart ein paar Jahre später als Renner. Bei den Meyer's sind indes Schallplatten aus der Pionierzeit des Rock'n'Roll zum Teil nicht mehr abspielbar. Zu oft haben sie sich gedreht im Wunschkonzert der Karussellbesucher.

Ja, Wunschkonzert. Große Freude bereitete vielen unbeteiligten Karussellbesuchern immer "das Wunschkonzert wider Willen". Gerade hattest du eine "dufte Biene" oder "einen steilen Zahn" (das waren Modeworte) zu ein paar Runden Geschwindigkeitsrausch in die "Tunnelbahn" überredet, mit dem heimlichen Wunsch auf einen anschließenden Besuch des hinteren Karussellteils, steigst guten Mutes in Wagen 8(!) ein, und dann das! Franzi Meyer macht Wunschkonzert: "Und nun für Tarzan und Jane in Wagen 8 unser Superhit: Otto Bänkel's (Ronny) Pflaumen-Polka". Aus den Lautsprechern dröhnt: "Im Garten sind die Pflaumen reif, die Früchte... ". Aus, alles kaputt, "der Zahn war gezogen" und Jane wurde nicht mehr gesehen. Für Tarzan gab es ein Augenzwinkern und den Trost: "Nächstes Mal spiel' ich `C'mon Everybody` für dich".

Der harte Kern der Autobahn-Fans durfte sich, obwohl "polizeilich streng verboten" neben dem Fahrstand aufhalten, "dort wo die Musik spielte", und der "Regkommandeur" den Karussellbesuchern "einheizte". Selbst wenn Mutter Meyer, die gleich nebenan an der Kasse saß, heftig protestierte, weil die Kassierer kaum noch "durchstarten" konnten, um den Fahrpreis während der Karussellrunden reinzuholen. Hier "am Platz an der Sonne" hatte der Rockfan Einfluss auf das Wunschkonzert. Nach dem Motto: "Sie wünschen - wir spielen" wurde das praktiziert, was die später entstehenden Discotheken als anfängliches Erfolgsrezept verkauften. Zu den beliebtesten Wunschtiteln gehörte 1960 die Nummer Ready Teddy" von Cliff Richard. Franzis Kommentar (phonetisch auf den englischen Text): „Heiße Marmelade - aus dem Tonfilm 'die Kuh hat den Arm ab'".

Mitte der 60er Jahren schien dem Rock'n'Roll die Luft auszugehen. Die Frage, wann er sich von der Bühne verabschiedete - wenn er das überhaupt jemals tat - lässt sich fast noch unmöglicher beantworten als die nach seinem ersten Auftritt. Selbstverständlich gibt es über das Ende (!) ebenso viele Theorien wie über den Anfang. Nach Ostfriesland jedenfalls kam er mit "Kalli Meyers Autobahn". Das Ende dieser Ära bekamen die Karussell-Freunde gar nicht so richtig mit. Längst hatte Meyer umgestellt, auf Marktnischen in der Rockmusik, und man will es kaum glauben, Deutscher Schlager, wenn er denn urig genug war. "Laila", von den "Regento Stars" war so ein Fall. Der Song wurde von den Radio-Stationen geächtet, weil die Kirchen wegen des „Saddo-Macho-Textes"(!) ihr Veto gegen ein öffentlich, rechtliches Abspielen eingelegt hatten. Weitere Favoriten waren überwiegend Titel die in den Hitparaden - die es nun schon im Radio gab - nicht auftauchten! Ein Dauerbrenner war die Ursonate der Rockmusik "La Paloma" in der Version von Billy Vaughn, sie wurde während der gesamten Blütezeit eingesetzt. Kein Lied der Welt ist je so oft gesungen, gespielt, interpretiert, arrangiert, vervielfältigt und auf diversen Tonträgern festgehalten worden wie La Paloma – das Lied des 20ten Jahrhunderts! Die Meyer-Hymne aber war: "Surfin' Bird" von den "Trashmen"

Weiter im Wunschkonzert: "Und nun für die Blondinen in Wagen 11 'Walk On By' gewünscht vom 'Gummimann'" und dann noch 'Let's Go' und den Elvis-Song 'One Night (With You)' und "Gummimann" verschwindet in den "Tunnel", wo - wie durch ein Wunder - Wagen 11 stehen bleibt! Stunden später kommt Besagter "rockenderweise" ans Tageslicht zurück. Aus den Lautsprechern ertönte der Song "Komm van dat Dak af". Zu diesem Titel steht in meinem Schülerkalender 1962: Schule geschwänzt, per Anhalter nach Winschoten, Platte von "Peter en zijn Rockets" gekauft, Hfl 3.90. Um 16 Uhr zurück. Auch diese Platte war in Deutschland nicht ohne weiteres zu haben.

Zurück zur zweiten und unbeleuchteten Hälfte des Karussells, zum legendären "Tunnel". Berühmt und berüchtigt, sagenumwoben und geliebt war er. Das dort in der "Knutsch-Kurve" Familien gegründet wurden, bleibt ein Gerücht. Dort gefunden und später auf ewig gebunden, das wurde mehrfach bekannt. Ob es nun an der Musik der Gattung „Dosenöffner" lag, oder ob es so war wie es ein damals einschlägig bekannter Kalli Meyer Fan schicksalhaft formulierte: „Das ist ein Sound der zwischen die Beine geht". Oder waren es doch die aus dem Kino so vertrauten Lichtverhältnisse? Der "Dire Straits" Hit mit dem treffenden Titel "Tunnel of Love" kam jedenfalls 1980 ein paar Jahre zu spät. Ebenfalls unbestätigt blieben auch Polizeirazzien und daraufhin verhängte Platzverbote für das Fahrgeschäft. Allerdings soll es in der Stadt Norden in den späten 1950er Jahren auf den Märkten zeitweise Rock’n’Roll Verbot gegeben haben, was wohl vielen älteren Herrschaften noch gut aus der NS-Zeit in Erinnerung geblieben war, und in deren Jugend noch gewirkt hat. Nur zu der Zeit hieß das: „Swingverbot" und hatte seine Gültigkeit auf dem arischen Tanzparkett!

Eine Verhaltensmaßnahme die dem Karussellbesitzer auferlegt wurde ist jedoch bekannt geworden. Die sich in der Karussellmitte drehende Statue "Siegesgöttin (auch Liebesgöttin genannt)" war so spärlich bekleidet, dass mit dem Stoff nur eine Brust bedeckt werden konnte. Wenn das Karussell nun ins katholische Emsland zog, musste dieser Stoffmangel "von Amts wegen" verschleiert werden, um der Kon(z)(f)ession gerecht zu werden.

Überall in unserem Land herrscht nun "die dreiakkordige Aufbruchstimmung". Beat, R&B, Pop, Soul und Blues von fremden Küsten übergießen unsere Tiefebene wie eine Springflut. Zeit für die Meyer's umzugestalten. Das Namensschild "Hula-Hoop-Song" verschwindet und drei der vier "Anführer des Liverpool-Beat" bekommen ihren Platz auf dem Karusselldach: "John, Paul und George von den Beatles". Spielte Meyer aber Beatles-Scheiben, so entstand eher der Eindruck, es handelt sich um eine Pflichtübung. Geläufiger waren "Dinger von den Stones", aber nicht die aus den Charts, eher "Little Red Rooster" den Blues-Klassiker, und "If You Need Me", einer Cover-Version des Fats Domino Songs. Unterhalb des neuen Dachschmucks, wohl in Erinnerung an "gute, alte Zeiten" jetzt die Köpfe von Cliff Richard, Chubby Checker, Fats Domino und Pat Boone. Das Innere des Fahrgeschäftes aber wirkt "nackter", nachdem der so genannte "Himmel" (eine Deckenwölbung aus himmelblauem Segeltuch mit gelben Sternaufdrucken im Mittelteil der Tunnelbahn) und der an Stuckarbeiten erinnernde Deckenrand nicht mehr vorhanden waren.

Das bundesweite Aushängeschild der heimischen Schausteller hat den Höhepunkt seiner Beliebtheit überschritten. Hightech Fahrgeschäfte rücken ihm nach dem Motto: "Höher, schneller, weiter", zu Leibe. Aber immer noch ist es die "Musik außer der Reihe", die das holzkonstruierte Fahrgeschäft über Wasser hält. German-Sound mischt sich in das Wunschkonzert. Eigengewächse, nicht vor Hits triefend, aber doch mit echten, unsterblichen Versionen. Die Dorados mit "Super", Brian Diamond & The Cutters mit "Keine Angst Little Woman", Andy Nevison mit "Indiano", aber nicht zu vergessen die Lords und die Rattles. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert "danach", ist das nicht vorhandene Englisch-th von "Lord" Uli längst Kult. Heute noch grübeln Sprachforscher, was Rattles-Chef Achim Reichel damals bloß gesungen haben mag. Aber welchem Interpreten war während der mitfünfziger Schuljahre schon das Englische beigebogen worden? Im "Hula-Hoop-Song" wurden ihre Platten von der ersten Stunde an aufgelegt, auch wenn es über eine sprachliche Rumpelstrecke ging. Der brave Peter Kraus wurde nahtlos durch den "Schmuddelsänger" Drafi Deutscher ersetzt. Erst recht nachdem "Drafi" seinen Fans und den Skeptikern bewiesen hatte, dass auch Schlagersänger einen Unterleib haben!

Das Karussell kommt in die Jahre, die Holzkonstruktion genügt nicht mehr den Sicherheitsanforderungen. Von Jahr zu Jahr nimmt die Ausstattung ab. Die reichlich verzierten Holzgelände aus den 30er Jahren weichen "schnöden" Metallkonstruktionen. Die Rampe muss großen Schrittes erklommen werden. Ende der 70er Jahre fehlt plötzlich der absolute Blickfang: Die „Siegesgöttin" ging verloren. Über ihren Verbleib streiten sich noch heute die Experten. Die Besucher bleiben aus - die Fans sind auch in die Jahre gekommen! Es ist nicht einfach nur eine neue Generation, sondern auch eine neue Art von Generation herangewachsen. Die von der amerikanischen Kultur beeinflusste Halbstarken-Generation hatte seinerzeit die Flakhelfer-Generation abgelöst. Ihr folgten: die Beatles-Generation, die „Achtundsechziger" und die „Yuppies". Mit dem Begriff Generation ist nicht die biologische Abfolge von Eltern zu Kindern gemeint, sondern die gemeinsame Erfahrung einer Altersgruppe in einem besonderen zeitlichen Vorgang.

In dieser Zeit bekommt die Industrie das Verkaufssegment "Massenmusik" so weit in den Griff, dass es endgültig in die industrielle Fertigung gehen kann. Musik von der Stange, populär und verkaufsträchtig zusammengestrickt, übernahm die Dominanz und drängte die eher sympathisch-originellen Versuche früherer Jahre mehr und mehr in die Ecke. Es hört sich komisch an, aber es ist ganz offensichtlich: Die Populär-Musik der 50er Jahre unterscheidet sich grundlegend von der aus den 70er Jahren. Was sie unterscheidet ist das ausschließlich rationelle Kalkül, der schon zwanghafte Druck, bedingungslos gefallen zu müssen, um verkaufbar zu sein in einem immer gigantischer werdenden Musikangebot, das die Konsumgesellschaft anscheinend aus sich selbst hervorbringt. Der Zwang, massenhaft produzieren zu müssen, um massenhaft verkaufen zu können, ging dabei zwangsläufig zu Lasten der Qualität. Dieses Phänomen lässt sich seit den 1970er Jahren beobachten, aber erst in dem Jahrzehnt danach zeigt es sich vollständig ausgeprägt.

Die zeitgemäße Ästhetik der 1970er Jahre war eine Warenästhetik. Die Musikindustrie reinigte sich selbst von aller Betulichkeit und allem revolutionären Ballast, der nach 1968 angehäuft worden war, und gab sich ganz zeitgemäß: geschmäcklerisch. Sie musste etwas erfinden, das der Mehrheit der Konsumenten als anreizend erschien. Und das war nicht die anspruchsvolle Pop(ulär)-Musik, sondern eben die andere, billige Variante. Das Übel fing beispielsweise damit an, dass man in keinem Supermarkt mehr spazieren konnte, ohne sofort von einer Art akustischem Treibsand förmlich weggespült zu werden. Heute ist das gang und gäbe, und man hört es längst nicht mehr. Damals aber war das neu, und man achtete noch auf das Gedudel, das da im verkaufsoffenen Hintergrund säuselte. Neben dem preiswerten Doppelpack Miraculi und der Extraportion Capri-Sonne an unbeschwerlichen Tampax-Tagen, nahm man immer auch die Erinnerung an musikalische Ergüsse mit nach Hause. Man wurde sie einfach nicht wieder los. Es war derselbe musikalische Kleister, der beim Aufwachen schon den Radiowecker verklebt. Bekanntlich ist es eine Kunst, populäre Musik zu machen, die nicht profan ist. In den 1970er Jahren ist diese Kunst auf der Strecke geblieben. Fortan feierte das Kunsthandwerk Triumphe. In den stillen Kammern der individualistischen Musikgestalter entwickelten sich neue Richtungen in die sich die Popmusik fortan aufteilte.

"Disco 2000" nun der Name von Meyer's Tunnelbahn. Das, was bei Franzi immer "Chefsache" war, legen nun bezahlte Discjockeys auf: "Musik aus aller Welt". Irgendwann wurde daraus "Allerweltsmusik". Schon die ersten Discothekengenerationen, die neben populärer Musik auch noch stimulierende Lichteffekte in ihre Fangemeinden streuten, sind an den Geschäftsphilosophien des inzwischen gesundheitlich angeschlagenen Schaustellers "Franzi" Meyer vorbeigezogen.

Sommer '81. Sonntagabend. Ein Schützenfest im Südbrookmerland. Die Stimmung im Festzelt ist auf dem Siedepunkt. Draußen auf dem Platz wird es leer. In einem Karussell-Torso gehen die Lichter aus. Der Betreiber will heute den Vorhang für immer herunterlassen: „Franzi, spiel' noch einmal 'Them'!" Der letzte Wunsch im großen Konzert. Selbstverständlich: „Sie wünschen - wir spielen", und nicht 'mal halb so laut wie einst klingt es aus den Lautsprecherboxen. „It's All Over Now - Baby Blue".

Ein Karussell das mehr als ein halbes Jahrhundert Treffpunkt der Jugend Ostfrieslands war, hört für immer auf sich zu drehen.

Wochen später liegen die noch verbliebenen "Kultgegenstände" von Meyer's Hula-Hoop-Song bei einem Auricher Recyclingunternehmen auf dem Hof. Das Karussell hat „die ganz neue Zeit" nicht überstanden, und mir kommt bei diesem Anblick die Kevin-Johnson-Parodie in den Sinn:

Rock'n'Roll du hast mich nie geliebt!

Hast nicht 'mal gewusst das es mich gibt.

Meine Jugend hab‘ ich dir geschenkt,

den Schwung und den Elan.

Lass' man gut sein Rock'n'Roll,

ich hab's ja gern‘ getan!

Erstveröffentlichung: Ostfriesland Magazin, Ausgabe April 1997

 

Im Herzen ein Rock'n'Roller

Rock'n'Roll war Rebellion. Doch Chuck Berry ist über 80. Elvis seit 35 Jahren tot und die Musik ist Museumswürdig. Rock'n'Roll ist Nostalgie. Doch wer diese Leidenschaft noch im Herzen hat zeigt sie schon bei ihren ersten Tönen. Wo immer Songs aus jener Musikepoche aufflammen, erahnt der Außenstehende: "Das da, das ist ein Rock'n'Roller".   (Nachtrag)

Besuchen Sie auch die Seiten: "MUSIK VON SEE" Die Geschichte der Piratensender

oder: "Die Star-Club Story" Hamburger Szene in den 1960er Jahren

und: "Raupenmusik" (PDF) Rock'n'Roll und Raupenbahn

 

Letzte Erkenntnis (7. Juli 2009):

 

Rock'n'Roll ach Rock'n'Roll

ich könnt' Beamter sein.

Nee, Nee Rock'n'Roll

das war gemein.

Und wenn Du heute ankämst,

dann wär' mir das egal.

Weißt Du 'was Rock'n'Roll?

Du kannst mich 'mal.

 

www.ostfriesland-magazin.de